Wie kann ein Buch über Kunst den Geist der darin dokumentierten Werke sowohl bewahren als auch erweitern? Die Designerin Nguyễn Huyền Trang erkundet das “Buch” als eigenständigen Kunstraum.
Diese Frage, die die Designerin Nguyễn Huyền Trang während ihrer 15-jährigen Tätigkeit im Bereich der Kunstbuchgestaltung und ihrer 20-jährigen Erfahrung mit Publikationen für das Goethe-Institut Vietnam immer wieder gestellt hat, bildet das Herzstück ihrer aktuellen Ausstellung unter dem Titel “Mở Sách” (Bücher öffnen).
Wer im April und Mai das Manzi Exhibition Space in Hanoi besuchte, traf auf eine faszinierende Auswahl von über 50 außergewöhnlichen Werken. Manche dieser Bücher erinnern an lotusförmige Steinsockel, andere sind beweglich oder so groß wie ein Fensterrahmen. Jedes dieser Bücher fungiert wie eine auf das Wesentliche reduzierte Ausstellung, in der Werke aus den Bereichen Malerei, Fotografie, Skulptur, Installation oder Architektur berühmter Künstler präsentiert werden. Die Sammlung umfasst sowohl Werke, die Trang im Laufe ihrer Karriere selbst gestaltet hat, als auch internationale Publikationen, die ihr als Inspiration dienen.
Kann der Geist eines Kunstwerkes durch die Form des Buches, das es umschließt, tatsächlich erweitert werden? Mit anderen Worten: Kann ein Buchdesigner als Co-Autor des Künstlers auftreten? Wenn wir das Buch nicht bloß als Aufzeichnungsmedium verstehen, sondern als ein unabhängiges Raum-Zeit-Gefüge, in dem Materialität und Struktur zur Bedeutungsentstehung beitragen, lautet die Antwort: Ja. Ein auf diese Weise gestaltetes Buch wird zu einem Gemeinschaftswerk, das aus der Synergie zwischen Designer und Künstler entsteht. Während der Ausstellung teilte Trang ihre Erfahrungen mit Kunst- und Buchliebhabern.
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Weniger ist mehr beim Buchdesign
Was macht ein Kunstbuch qualitativ minderwertig? Um dies zu beantworten, verweist Trang auf ihr Erstlingswerk “Hanoi, eine Stadt in der Kunst” (2010). Aufgrund von überladenen grafischen Elementen lenkte das Buch eher vom Kunstwerk ab, anstatt den Dialog zwischen Text und Bild zu fördern. Zudem beeinträchtigte die mangelnde Sorgfalt bei der Papierwahl die Farbtreue der Reproduktionen erheblich.
Aus diesem Scheitern entwickelte Trang das Prinzip “Weniger ist mehr” als oberste Regel für jedes Buch, das sie gestaltet. Anstatt dem Buch eigene gestalterische Akzente aufzudrücken, tritt die Designerin in den Hintergrund, damit die Essenz der Kunstwerke Raum zum Atmen findet. Ein Beispiel hierfür ist der Bildband “Lan Anh Lê” (2024), der gänzlich ohne Text auskommt. In solchen Fällen übernimmt die Designerin die subtile Aufgabe, in enger Abstimmung mit dem Kurator den Rhythmus des Buches durch die Abfolge der Bilder festzulegen und das Papier so zu wählen, dass es die Haptik des Originals widerspiegelt.

Above Eine Seite aus der Publikation Lan Anh Lê (2024)
In anderen Fällen, wenn eine Werkgruppe einer zentralen Idee folgt, sucht die Designerin nach minimalistischen Wegen, diese zu vermitteln. Für das Cover von “Vòng tròn thời gian” (2017), einem Werk, das Arbeiten aus acht Ausstellungen des Malers Hà Mạnh Thắng vereint, stanzte Trang konzentrische Kreise durch acht Bilder. Auf diese Weise simuliert sie sowohl den Querschnitt eines Baumstammes mit acht Jahresringen als auch eine Reise in das Innere des Geistes. Hier zeigt sich die Zurückhaltung der Designerin, indem sie ihre Gestaltung lediglich durch den bewussten Akt des Weglassens einbringt.

Above Detail des Buches Vòng tròn thời gian (2017)
Jedes Kunstbuch steht vor der Herausforderung, das Originalwerk fotografisch zu reproduzieren. Um die physischen Qualitäten des Werkes im Buch greifbar zu machen, experimentiert Trang häufig mit Materialien. Für das Buch “Màu vàng lồng lộng chảy tràn lá xanh” (2015), das Seiden-Áo-Dài aus der Kaiserzeit in Hue dokumentiert, kaschierte sie das Cover mit gestärkter gelber Seide und drückte echte Lotusblätter darauf, um die Struktur der Adern abzubilden.

Above Das kunstvoll gestaltete Cover von Màu vàng lồng lộng chảy tràn lá xanh (2015)
Diese Form der Materialsimulation wendete sie auch bei Publikationen über Vũ Dân Tân an, einen Pionier der zeitgenössischen Kunst in Vietnam. Auf dem Cover von “Venus in Vietnam” (2012) integrierte sie ein Pop-up aus Zigarettenschachteln, eine Hommage an Tân, der oft mit Zeitungspapier und Fundstücken arbeitete. Ein weiteres Buch, das Zeichnungen von Vũ Dân Tân auf Zeitungspapier versammelt, wurde im Maßstab 1:1 auf dem gleichen Material gedruckt. Auch hier zeigt sich ihre Philosophie: Die Designerin tritt zurück, um das Wesentliche im Buch wirken zu lassen.

Above Einblicke in das Buch Venus in Vietnam (2012)

Above Eine weitere Ansicht des Buches Venus in Vietnam
Zeit und Struktur im Kunstbuch
Während Bildende Kunst und Architektur Räume gestalten, arbeiten Bücher über diese Disziplinen mit dem Faktor Zeit. Sie dienen der Archivierung und der langfristigen Recherche in Bibliotheken oder privaten Sammlungen. Deshalb setzt Trang auf langlebige Materialien, die ihre Farbe über die Zeit hinweg bewahren. So gestaltete sie die Reihe “Art in the Forest” für das Flamingo Contemporary Art Museum mit besonderem Fokus auf Funktionalität und Lesbarkeit.
Der Designer muss die Wechselwirkung zwischen Raum und Zeit in der Leseerfahrung berücksichtigen. Trang betont: Ein Buch ist nicht nur ein Ort, an dem Bilder reproduziert werden, sondern es steuert ihre Abfolge, den Rhythmus und die Pausen. Zwei Bildbände für die Photo Hanoi Biennale (2023 und 2025) sind Paradebeispiele dafür, wie ein Buch als chronologischer Leitfaden dienen kann, der schnelles Nachschlagen ermöglicht und gleichzeitig die Dynamik der Veranstaltung über die Zeit festhält.
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Ein weiteres faszinierendes Projekt ist ein Skizzenbuch, das in Zusammenarbeit mit dem unabhängigen Sammler Rabbit Hole entstand. Über sieben Jahre hinweg reichte man das Buch an Dutzende Künstler weiter, bis es vollständig gefüllt war. Das Buch entstand organisch als Gemeinschaftswerk, dessen endgültiges Gesicht niemand im Voraus erahnen konnte.

Above Das Buch zur Photo Hanoi Biennale 2023

Above Einblicke in die Publikation Arcan 2019-2025
Trangs Weg ist von einem ständigen Austausch mit Künstlern, Kuratoren und anderen Designern geprägt. Für sie ist der schnellste Weg zur Verbesserung im Buchdesign die kontinuierliche Auseinandersetzung mit anderen Werken. “Das Nebeneinanderstellen meiner Arbeit mit anderen Büchern schafft den nötigen Abstand, um den eigenen Prozess immer wieder zu erneuern”, teilt Trang mit.
Zum Abschluss stellte Trang das Projekt “Bách Sơn Chi Ảnh” vor, an dem sie derzeit gemeinsam mit Hà Mạnh Thắng arbeitet. Durch die Kombination traditioneller Papiermaché-Techniken mit 3D-Druck entsteht ein Buch, das wie ein lotusförmiger Steinsockel aus der Ly-Dynastie anmutet. In einer Welt, in der immer mehr Werkzeuge virtuell werden, schließt sich der Kreis, indem das Buch zur physischen Form des Steins zurückkehrt – einem der ältesten Werkzeuge der Menschheit.

Above Das Projekt Bách Sơn Chi Ảnh befindet sich in der Entwicklung

Above Ein weiteres Detail aus der Arbeit Bách Sơn Chi Ảnh




