Klimawandel, kochende Ozeane und Korallenbleiche: Dr. Thon Thamrongnawasawat spricht über unbequeme Wahrheiten, für die viele noch nicht bereit sind.
Meereswissenschaftler, Experte für marine Ökosysteme, Vordenker, aktiver Umweltschützer, politischer Impulsgeber, Klimakommunikator, Umweltautor — es gibt viele Bezeichnungen für Dr. Thon Thamrongnawasawat, Professor am Institut für Meereswissenschaften und stellvertretender Dekan für Sonderangelegenheiten an der Fakultät für Fischerei der Kasetsart-Universität. Seit über vierzig Jahren widmet er sein Leben der Mission, den Menschen die Liebe zum Meer nahezubringen.
“Eigentlich bin ich nur ein naturverbundener ‘Prominenter’”, scherzt Dr. Thon bescheiden, als Tatler Thailand ihn bittet, sich selbst zu beschreiben. Doch schnell wird er ernst und spricht ausführlich über die unaufhaltsame Erderwärmung, schwer zu rettende Meeresökosysteme und die harte Realität des marinen Naturschutzes. In einer Zeit, in der Nachhaltigkeit ein globales Thema ist und Begriffe wie ESG (Environmental, Social, and Governance), Net-Zero oder nachhaltige Entwicklung allgegenwärtig sind, bleibt sein Blick realistisch.
“Letztendlich können wir nur in kleinen, überschaubaren Bereichen handeln, in denen unsere Ressourcen ausreichen”, erklärt er offen. Auch wenn diese Antwort fast hoffnungslos klingt — angesichts der 149.182 Rai (Stand 2025) großen Korallenriffe Thailands, die wohl nie wieder ihre einstige Pracht erlangen werden — hat dieser Mann in vierzig Jahren niemals aufgegeben oder dem thailändischen Meeresschutz den Rücken gekehrt.
“Heute versteht die ganze Welt, dass sich das Klima wandelt. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Was tun wir dagegen?”
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Kochende Ozeane
Im vergangenen Jahr (2025) berichtete die US-amerikanische National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA), dass die Ozeane etwa 91 Prozent der überschüssigen, durch Treibhausgase verursachten Wärme im globalen Klimasystem absorbieren. In den letzten fünfzig Jahren fanden über 90 Prozent der Erderwärmung in den Meeren statt. Die oberen Meeresschichten (0 bis 700 Meter) erwärmen sich dabei am schnellsten und speichern rund 63 Prozent der gesamten seit 1971 hinzugekommenen Wärme. Dieser Temperaturanstieg ist zweifellos eine der Hauptursachen für die Zerstörung mariner Ökosysteme, insbesondere der Korallenriffe und der von ihnen abhängigen Meeresbewohner. In den Jahren 2023 und 2024 ereignete sich die bisher schwerwiegendste globale Korallenbleiche, die aufgrund steigender Meerestemperaturen durch die globale Erwärmung und El Niño weltweit mehr als 84 Prozent der Riffe in Mitleidenschaft zog.
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Above “Eigentlich bin ich nur ein naturverbundener ‘Prominenter’”, beschreibt sich Dr. Thon mit einem Lächeln. (Bild: Worapon Teerawatvijit)
Auch Thailand steht vor der beispiellosen Krise der “kochenden Meere”, bedingt durch ungewöhnlich hohe Wasseroberflächentemperaturen. Besonders im April 2024 stiegen die Werte auf über 32 Grad Celsius — deutlich über dem üblichen Durchschnitt von etwa 30 Grad Celsius für diese Jahreszeit. In einigen Gebieten wurden sogar bis zu 34 Grad Celsius gemessen, was der Wärme eines Onsens gleicht. Dieser Anstieg hat verheerende Auswirkungen auf das Ökosystem: Er führt zu Korallenbleiche, dem Absterben von Seegras und einer häufigeren Algenblüte.
Der Bericht über den Zustand der thailändischen Korallenriffe 2024-2025 des Ministeriums für Meeres- und Küstenressourcen zeigt, dass sich die Riffe in der schwersten Bleiche-Krise seit Jahren befinden. Fast 90 Prozent der Riffe sind vom Anstieg der Meerestemperatur betroffen. Eine Untersuchung von 103.122 Rai (etwa 48,45 Prozent der gesamten Riff-Fläche) ergab, dass noch 50.765,1 Rai lebende Korallen aufweisen. Davon sind 53 Prozent in sehr gutem Zustand, 23 Prozent in mäßigem und 24 Prozent stark beschädigt. Jüngste Daten des Ministeriums vom April 2025 nach der massiven Bleiche weisen noch etwa 11.658 Rai lebender Korallen (45 Prozent der untersuchten Fläche) aus — was immerhin eine Erholung von 40 bis 60 Prozent bedeutet.
Chancen und Hoffnung
Heute ist sich ein Großteil der Gesellschaft der Klimakrise bewusst. Internationale Umfragen zeigen, dass viele Menschen den Klimawandel als die größte globale Bedrohung ansehen — noch vor Kriegen oder wirtschaftlichen Krisen.
Doch strukturelle Veränderungen wie die Reduzierung von Treibhausgasen oder das Erreichen von Net-Zero-Zielen sind noch in weiter Ferne. Dr. Thon sieht ein tiefgreifendes Problem: das Gefühl der kollektiven Ausweglosigkeit. “Wir wissen, dass die Erde wärmer wird, und wir fürchten uns davor. Wir sprechen über Net-Zero in den nächsten drei bis vier Jahrzehnten. Aber wird die Erde so lange auf uns warten können?”
Die Situation in den thailändischen Gewässern sei zweifellos kritisch, führt Dr. Thon weiter aus. “Es gibt Korallenriffe, die wir seit über zwanzig Jahren erforschen.” Er hält kurz inne und fügt hinzu: “Als die marine Hitzewelle kam, starben Hunderttausende von Korallen.”
Dr. Thon prognostiziert, dass in 25 Jahren weltweit wahrscheinlich weniger als 10 Prozent der Korallen übrig bleiben werden. In Thailand verwandeln sich einst blühende Ökosysteme rapide in Unterwasserfriedhöfe, da die Bleiche-Ereignisse immer extremer werden. “Die Korallen werden quasi in kochendem Wasser gegart. Sobald sie sich leicht erholen, werden sie beim nächsten Mal durch noch höhere Temperaturen noch länger gekocht, bis sie sich schließlich nicht mehr regenerieren können.” Er vergleicht den Bestandstrend mit einer Grafik: “Die Kurve der Korallenpopulation sinkt nicht allmählich wie eine Parabel, sie stürzt ab wie bei einem Börsencrash. Wenn sie sich leicht erholt, schlägt das nächste El-Niño-Ereignis zu und reißt sie noch tiefer in den Abgrund.”

Above Laut dem Bericht über den Zustand der thailändischen Korallenriffe 2024-2025 des Ministeriums für Meeres- und Küstenressourcen sind fast 90 Prozent der Riffe von erhöhten Meerestemperaturen betroffen. (Bild: Georgette Douwma / Getty Images)
Während viele angesichts der Klimakrise resignieren, legt Dr. Thon den Fokus auf kleine, lokale Erfolge. In einer idealen Welt wäre die Rettung der Korallenriffe eine globale Aufgabe, doch in der Realität können Wissenschaftler heute nur versuchen, verbliebene kleine Habitate zu erhalten. “Uns fehlen schlichtweg die finanziellen und personellen Ressourcen, um große Gebiete zu schützen”, räumt er ein. “Das Einzige, was uns bleibt, ist die Rettung jener kleinen Rückzugsorte, für die es sich noch zu kämpfen lohnt.”
Ein Beispiel hierfür sind bestimmte Meeresschutzgebiete in der Andamanensee, wie die Surin-Inseln, die sich aufgrund ihrer abgelegenen Lage leicht erholen konnten. Auch die Insel Koh Tachai, die seit 2016 wegen der massiven Schäden durch den Massentourismus geschlossen ist, stellt einen Hoffnungsschimmer dar. Eine Wiedereröffnung ist für dieses Jahr geplant — unter strengen Nachhaltigkeitsauflagen: Maximal 100 Besucher pro Tag und eine auf sechs Stunden begrenzte Aufenthaltszeit sollen die Umwelt schützen und weitere Zerstörung verhindern. “Manchmal müssen wir Gebiete für den Tourismus sperren, um den Korallen eine Überlebenschance zu geben”, betont Dr. Thon.
“Wer noch prachtvolle Korallen sehen möchte, sollte dies bald tun. In Zukunft werden Sie solche üppigen Riffe, wie wir sie heute kennen, möglicherweise nicht mehr erleben können.”
Doch nicht nur die Korallen sind bedroht. Auch der Bestand der Dugongs, einer ikonischen Spezies der thailändischen Meere, erleidet ein erschütterndes Schicksal. “Innerhalb weniger Jahre ist ihre Population von 300 auf gerade einmal 60 Tiere geschrumpft.” Dr. Thon beleuchtet die schmerzhafte Wahrheit hinter der scheinbar gesunkenen Sterblichkeitsrate: Diese ist nicht auf eine verbesserte Situation zurückzuführen, sondern auf die traurige Tatsache, dass kaum noch Tiere übrig sind, die sterben könnten.
Wir können uns darauf konzentrieren, die kleinen Dinge zu bewahren, für die wir noch kämpfen können. - Dr. Thorn Thamrongnawasawat
Ein Mann, der niemals aufgibt
Auf die Frage, ob ihn diese hoffnungslosen Situationen jemals deprimieren, antwortet Dr. Thon lachend: “Ich mache diese Arbeit nun schon bis zu meinem 60. Lebensjahr. Wie könnte ich da noch verzweifeln?” Dann teilt er das Geheimnis seiner Widerstandsfähigkeit, sein persönliches Mantra: “Ich konzentriere mich ausschließlich auf Dinge, bei denen ich sicher bin, dass ich etwas bewirken kann, auf Gebiete, in denen ich mich auskenne. Wenn ich im Vorfeld weiß, dass ein Kampf aussichtslos ist, fange ich gar nicht erst an.”
Selbst wiederkehrende Verluste werfen ihn nicht aus der Bahn. Als im Jahr 2024 die von ihm über 20 Jahre lang gepflegten Riffe in der Provinz Rayong infolge extrem hoher Wassertemperaturen abstarben, informierte er die Sponsoren kurz und sachlich über das Ende des Projekts — ohne jegliches Wehklagen. Das ist seine Lebensphilosophie: Fokussierung auf das Machbare und konsequentes Loslassen von Dingen, die außerhalb seiner Kontrolle liegen.
Dr. Thon beschreibt sich selbst als einen “Menschen, der stets seinen eigenen Weg geht”. Dies bewies er bereits in jungen Jahren, als er sich für das Studium der Meeresbiologie entschied, während seine Altersgenossen Medizin oder Ingenieurwesen wählten. Unbeirrt vom Urteil anderer verfolgte er konsequent seine Leidenschaft. Heute ist Dr. Thon ein einzigartiger Vordenker, dessen Einfluss auf die thailändische Umweltpolitik in seinem Bereich unübertroffen ist.

Above Für sein herausragendes Engagement als Umweltkommunikator wurde Dr. Thon mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Preis für exzellente Wissenschaftskommunikation bei den Thailand Science Communication Awards 2025. (Bild: Worapon Teerawatvijit)
Für seine Arbeit als Naturschützer und Universitätsprofessor wurde Dr. Thon mit zahlreichen Preisen bedacht. Dazu zählen der Preis für exzellente Wissenschaftskommunikation bei den vom Ministerium für Hochschulbildung, Wissenschaft, Forschung und Innovation (MHESI) organisierten Thailand Science Communication Awards 2025, der Thailand Sustainability Shaper Award 2021 sowie die Auszeichnung als “Tatler Most Influential (Thailand)” in den Jahren 2024 und 2025. Als Wissenschaftskommunikator hat er über 50 Bücher verfasst, von denen einige landesweit prämiert wurden. Auf Facebook folgen ihm über 300.000 Menschen. Besonders bemerkenswert ist: Er verzichtet auf jegliche Werbeeinnahmen in den sozialen Medien, die seine Follower als öffentliches Klassenzimmer betrachten. Er nutzt diese Plattformen aus purem Idealismus, nicht aus finanziellem Interesse — was seiner Stimme umso mehr Gewicht verleiht.
Wer Korallenriffe sehen möchte, sollte jetzt fahren, denn in Zukunft wird es sie vielleicht nicht mehr so zahlreich geben wie heute. - Dr. Thorn Thamrongnawasawat
Abschließend fragen wir ihn nach der Zukunft der thailändischen Meere in zehn bis zwanzig Jahren. Dr. Thon antwortet prompt, schonungslos und extrem realistisch: Die Korallen werden fast vollständig verschwunden sein. Die Population der Dugongs wird voraussichtlich auf unter zwanzig Tiere sinken, auch wenn sie nicht gänzlich aussterben. Die Bestände der Brydewale könnten ebenfalls schrumpfen, aber sie werden überleben. Dies klingt nach einer düsteren Zukunftsvision, doch sie ist nicht völlig hoffnungslos, denn engagierte Menschen wie Dr. Thon und seine Mitstreiter kämpfen weiterhin unermüdlich für den Erhalt der Meere.
“Wir verfügen heute über weitaus bessere Ressourcen, umfassenderes Wissen, fortschrittlichere Technologien und effizientere Werkzeuge als früher — doch es reicht immer noch nicht aus. Wir hätten handeln müssen, als ich vor vierzig Jahren zum ersten Mal vor dem Klimawandel warnte”, resümiert er.
Dr. Thon verrät zudem, dass er sich darauf vorbereitet, das Universitätsleben hinter sich zu lassen und sich der Welt jenseits des Campus zuzuwenden. Nicht aus Erschöpfung, sondern weil er die letzten schmelzenden Gletscher mit eigenen Augen sehen möchte. “Ich muss sie sehen, bevor sie für immer von unserem Planeten verschwinden.” Ein strahlendes Lächeln huscht über sein Gesicht, als er hinzufügt, dass er seine Arbeit im Naturschutz auch nach seinem Ausscheiden aus der Universität auf seine ganz eigene Weise fortsetzen werde. Denn die Verantwortung für die Ozeane ist für ihn weder an eine Position noch an ein Gehalt gebunden.
Dieses Gespräch mit Dr. Thon spendet keinen falschen Trost. Stattdessen hinterlässt es etwas viel Bedeutenderes: die ungeschönte Wahrheit und die unerschütterliche Entschlossenheit eines sechzigjährigen Mannes, der sich weigert aufzugeben.
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