Anfang der 1990er Jahre war eine der drängendsten Fragen für die vietnamesische Bildung: Wie lange können Kinder zur Schule gehen? Fast vier Jahrzehnte später untersucht Paul W. Glewwe im Rahmen seiner Bildungsforschung, warum vietnamesische Schüler so viel mehr lernen als Gleichaltrige in wirtschaftlich vergleichbaren Ländern.
Die Spanne zwischen diesen Fragen umspannt beinahe die gesamte Forschungsreise des Ökonomen der University of Minnesota. Im September 2026 wurde Glewwe mit dem Yidan-Preis für Bildungsforschung geehrt, eine Anerkennung für fast vier Jahrzehnte, in denen er untersuchte, welche Bedingungen in Entwicklungsländern tatsächlich zu besseren Lernergebnissen führen. Vietnam nimmt in seiner Bildungs- und Forschungsarbeit dabei einen besonderen Stellenwert ein.
Von den ersten Lebensstandards-Datensätzen zur Zeit der „Doi Moi”-Reformen bis hin zu PISA und Young Lives ist Glewwe immer wieder nach Vietnam zurückgekehrt. Zunächst standen der Zugang zur Schule und die familiären Entscheidungen im Fokus. Später verlagerte sich der Schwerpunkt darauf, wie lange die Kinder zur Schule gehen und welche konkrete Bildung sie dort erfahren.
Als die PISA-Ergebnisse Vietnams international für Aufsehen sorgten, suchte er gemeinsam mit Kollegen nach den Gründen für dieses scheinbare Paradoxon: Warum erzielt ein Land mit relativ niedrigem Einkommen so herausragende akademische Ergebnisse, die viele wohlhabendere Volkswirtschaften übertreffen?
Die neueste Forschung von Glewwe zur vietnamesischen Bildung rückt nun einen entscheidenden Akteur in den Mittelpunkt: die Lehrkräfte.
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Was geschieht in den vietnamesischen Klassenzimmern, um Bildung so effektiv zu machen?
Im Jahr 2023 veröffentlichten Hai-Anh Dang, Paul Glewwe, Jongwook Lee und Khoa Vu eine Analyse über den bemerkenswerten Erfolg Vietnams in den drei PISA-Studien von 2012, 2015 und 2018. In diesen Jahren zählte Vietnam zu den ärmsten Teilnehmerländern, übertraf jedoch sämtliche anderen Entwicklungsländer und sogar viele wohlhabendere Volkswirtschaften in Bezug auf die Bildungsstandards.
Das Forschungsteam untersuchte die offensichtlichsten Erklärungsansätze.
War die PISA-Stichprobe Vietnams nicht repräsentativ, da viele 15-Jährige bereits die Schule verlassen hatten? Verfügen vietnamesische Schüler über bessere Prüfungsvorbereitungen oder eine höhere Leistungsmotivation? Könnten die Unterschiede durch familiäre Bedingungen oder schulspezifische Ressourcen erklärt werden?
Nach der Bereinigung um Stichprobenverzerrungen blieb Vietnam ein großes Außenseiter-Phänomen relativ zum Einkommensniveau. Bemerkenswert ist, dass die von PISA erfassten Faktoren zu Schülern, Familien und Schulen lediglich 30 % des vietnamesischen Vorsprungs in Mathematik und Leseverständnis erklären konnten. Ein großer Teil des Geheimnisses liegt außerhalb der statistischen Daten.

Above Paul Glewwe untersucht seit fast vier Jahrzehnten die Faktoren der vietnamesischen Bildung.
Die Studie aus dem Jahr 2023 leistete wertvolle Arbeit, indem sie viele gewohnte Erklärungen ausschloss, jedoch eine Lücke hinterließ. Wenn der Erfolg der vietnamesischen Schüler nicht primär durch familiäre Herkunft oder klassische Schulbedingungen erklärt werden kann, was fehlt dann?
Glewwe sucht in seiner Arbeit von 2026 Antworten mithilfe des „Young Lives”-Datensatzes.
Dieses Projekt verfolgt Kindergruppen in Äthiopien, Indien, Peru und Vietnam über viele Jahre. Forscher können so Bildungsresultate mit der individuellen Entwicklungsgeschichte verbinden: familiäre Umstände, Gesundheit, Ernährung und das Bildungsumfeld. Besonders für Vietnam war es entscheidend, die Lehrkompetenz in den internationalen Vergleich einzubeziehen.
Die Ergebnisse zeigen, dass es keine universelle Lösung für alle Länder gibt.
Im Vergleich zwischen Vietnam und Äthiopien erklären individuelle Schüler- und Familieneigenschaften etwa 36 bis 37 %, während schulische Faktoren etwa 8 % beitragen. Im Vergleich zu Indien und Peru jedoch rückt ein Faktor in den Fokus: die pädagogische Kompetenz der Lehrkräfte. Diese erklärt laut Analyse bis zu 64 % des Leistungsabstands zwischen Vietnam und Peru.
Diese Zahl unterstrich auch das Komitee bei der Verleihung des Yidan-Preises an Glewwe im Jahr 2026.
Dass Lehrkräfte wichtig sind, ist keine neue Erkenntnis. Der Fortschritt liegt in der Messweise: Anstatt nur Dienstjahre oder Abschlüsse zu zählen, wurde die Lehrkompetenz direkt mit den Lernergebnissen verknüpft.
Das Team betrachtete Kompetenzen, die direkt mit dem Mathematikunterricht verknüpft sind: Wie vermitteln Lehrer Inhalte? Wie organisieren sie den Lernprozess? Wie erkennen sie das Verständnisniveau der Schüler? Wenn diese Unterschiede modelliert werden, beginnt sich der vietnamesische Bildungsvorsprung zu erklären.
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Von der reinen Schulzugehörigkeit zur Qualität der Bildung
Als Glewwe in den frühen 1990er Jahren mit vietnamesischen Daten begann, war das Umfeld ein gänzlich anderes.
Die erste vietnamesische Lebensstandardstudie von 1992 bis 1993 fand in einer Zeit rasanter wirtschaftlicher Transformation statt. Glewwe und Harry Anthony Patrinos untersuchten die aufkommende Vielfalt an privaten und halb-öffentlichen Schulen neben dem staatlichen System.
Es zeigte sich, dass die Wahl der Schule eng mit den wirtschaftlichen Verhältnissen korrelierte. Wohlhabendere Familien wählten eher private Angebote, und das Bildungsniveau der Eltern war ausschlaggebend für die Erwartungen an den Bildungsweg der Kinder.
Nur wenige Jahre später zwang die rasche Systemexpansion zu einem Umdenken der Fragen.
In seiner Arbeit aus dem Jahr 2004 trennte Glewwe zwei Aspekte, die oft vermischt wurden: den schulischen Fortschritt und den tatsächlichen Lernerfolg. Damals begannen fast alle vietnamesischen Kinder eine Grundschule, aber nur etwa 80 % schlossen sie ab. Glewwe verlagerte den Fokus von der Frage „Einschulung” hin zur Frage der Abschlusswahrscheinlichkeit und den Ergebnissen in Lese- und Mathetests.

Above Lehrkräfte spielen laut Glewwes Forschung eine zentrale Rolle für den Erfolg der Bildung in Vietnam.
Schon damals deutete sich die Bedeutung der Lehrkräfte an. Glewwes Modell prognostizierte, dass die fachliche Qualifikation der Lehrkräfte die Abschlusswahrscheinlichkeit von Schülern in der Grundschule signifikant steigerte. Er warnte jedoch davor, dies vorschnell als reine Kausalbeziehung zu werten: Abschlüsse könnten auch andere Qualitäten der Lehrer oder der Schule widerspiegeln.
Diese Vorsicht war berechtigt. Fast zwei Jahrzehnte vor den neuen Messmethoden sah er die Bedeutung der Lehrer voraus, doch die Datenlage war damals noch nicht differenziert genug.
Parallel dazu prägte eine umfassendere Fragestellung seine Arbeit. Glewwe fragte: Welche Schulpolitik produziert die effektivsten Basiskompetenzen? Wie korrelieren diese mit der Arbeitsproduktivität?
Der springende Punkt: Ein Jahr Schulbesuch hat nicht überall den gleichen Wert. Für Vietnam wurde diese Unterscheidung immer deutlicher.
In der Arbeit „Well Begun, but Aiming Higher” bilanzierten Hai-Anh Dang und Paul Glewwe zwei Jahrzehnte Bildungsentwicklung. Der „gute Start” war evident: steigende Einschulungsraten, nahezu vollständige Grundschulabdeckung und die geschlechtergerechte Bildung. Doch genau dieser Erfolg veränderte die Herausforderungen.
Wenn das reine Absitzen der Schuljahre nicht mehr reicht, um das Bildungssystem zu bewerten, rückt die Qualität in den Fokus. Was lernen die Kinder? Wer wird zurückgelassen? PISA hob die Diskussion dann auf ein globales Niveau und verdeutlichte das vietnamesische Paradoxon, das über das zu erwartende Maß hinausging.

Above Die Forschung zu Bildung in Vietnam zeigt, dass pädagogische Kompetenz der Lehrkräfte entscheidend ist.
Die Studie von 2023 und die Arbeit mit „Young Lives” untermauern, dass ein wesentlicher Teil des vietnamesischen Erfolgs in der Kompetenz der Lehrkräfte liegt. Betrachtet man Glewwes Lebenswerk, so gleicht es einer Chronik der kontinuierlichen Vertiefung.
Über drei Jahrzehnte hinweg wurde Vietnam zu einem seiner engsten Forschungspartner. Glewwe ist ein Vorbild für methodische Strenge und hat mit seiner Arbeit das Verständnis über die Zusammenhänge von Bildungspolitik und wirtschaftlicher Entwicklung weltweit geprägt.
Für Vietnam und andere Länder bleibt er vor allem als jemand in Erinnerung, der sich leidenschaftlich der Frage widmete, was Bildung im Leben eines Kindes tatsächlich bewirken kann.
Der Yidan-Preis 2026
Die Yidan Prize Foundation fördert seit 2016 Bildung durch die Anerkennung herausragender Leistungen. Die Auszeichnung besteht aus zwei Kategorien: Bildungsforschung und Bildungsentwicklung. Jede Kategorie ist mit einer Goldmedaille und insgesamt 30 Millionen HKD dotiert.
Im Jahr 2026 wurde Paul W. Glewwe mit dem Yidan-Preis für Bildungsforschung ausgezeichnet. Das Gremium würdigte damit fast vier Jahrzehnte Arbeit, in denen er den Fokus von reinen Schuljahren auf messbare Bildungserfolge verlagerte.
Der Yidan-Preis für Bildungsentwicklung 2026 ging an Susan P. Walker, Sally Grantham-McGregor und Susan M. Chang-Lopez für ihr Programm „Reach Up”, das die frühkindliche Entwicklung unterstützt.
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