Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der diplomatischen Beziehungen zwischen Vietnam und Thailand reflektiert Dr. Nguyễn Ngọc Bình über die historischen, kulturellen und akademischen Fundamente, die beide Gesellschaften einander nähergebracht haben, und darüber, wie Bildung und Wissensaustausch das Verständnis für die nächsten fünfzig Jahre fördern können. Das Thema “Việt” (Vietnamesisch) steht dabei im Mittelpunkt seiner akademischen Arbeit.
Das Gespräch fand anlässlich der Veröffentlichung des Buches “Five Decades of Thailand – Vietnam Diplomatic Relations: History, Society, Culture, and Cooperation 1976–2026” statt, das von Dr. Nguyễn Ngọc Bình und Assoc. Prof. Dr. Morragotwong Phumplab im Rahmen einer Kooperation zwischen der Thammasat-Universität und der Universität für Sozial- und Geisteswissenschaften der Vietnam National University, Hanoi, herausgegeben wurde.
Das Jahr 2026 markiert fünf Jahrzehnte diplomatischer Beziehungen, doch der Austausch zwischen beiden Völkern hat eine weitaus längere historische und kulturelle Tiefe. Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten historischen und kulturellen Fundamente, die heute das gegenseitige Verständnis fördern?
Bereits seit dem 19. Jahrhundert pflegten die Dynastien von Siam und Đại Nam den maritimen Handel und waren Teil regionaler Handelsnetzwerke. Der Austausch von Waren, die menschliche Mobilität und kulturelle Kontakte schufen nachhaltige Verbindungen, die beide Gesellschaften selbst in Zeiten politischer Schwankungen im regionalen Kontext einander vertraut machten.
Ein weiteres zentrales Fundament ist die Präsenz der vietnamesischen Gemeinschaft in Nordostthailand. Trotz unterschiedlicher politischer Wege während des Kalten Krieges blieben soziale Kanäle durch die Diaspora, Handel, Bildung und kulturelle Beziehungen erhalten. Diese Gemeinschaften fungieren als lebendige Brücken, die das Vertrauen und die gegenseitige Wertschätzung zwischen den Völkern nähren. Die Nähe wird zudem durch den gemeinsamen kulturellen Raum Südostasiens gestärkt, der durch grenzüberschreitenden Austausch und ein reiches Erbe an Traditionen geprägt ist. Auch die Expertise im Bereich “Việt” (Vietnamesisch) und der kulturelle Austausch spielen eine entscheidende Rolle für diese tiefgreifende Verbundenheit.
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Above Eine historische Aufnahme, die die kulturelle und diplomatische Verbundenheit zwischen Vietnam und Thailand sowie die Bedeutung des “Việt”-Wissensaustauschs illustriert.
In den letzten Jahrzehnten hat sich der akademische Austausch zwischen beiden Ländern massiv ausgeweitet. Wenn Sie einige Meilensteine nennen müssten, die die Intensität dieser Verbindung verdeutlichen, welche wären das?
Zunächst ist die Expansion akademischer Austauschprogramme zu nennen, die besonders nach den 1990er Jahren an Fahrt gewann. Im Zuge von Vietnams “Đổi mới”-Prozess und der ASEAN-Integration ist Bildung zu einem dauerhaften Bindeglied neben Handel und Investitionen geworden.
Ein zweiter Meilenstein ist die Entwicklung der Thailand-Studien in Vietnam und der “Việt”-Studien in Thailand. Dies geht über das reine Angebot von Studiengängen hinaus; es geht um die aktive Ausbildung einer Generation, die tiefes Wissen über Sprache, Geschichte und Gesellschaft der jeweils anderen Seite besitzt. Die Integration von kulturellem Wissen in den Sprachunterricht an Institutionen wie der Mahidol-Universität oder der Thammasat-Universität zeigt, dass Sprachunterricht heute auf interkulturelle Kompetenz und gegenseitigen Respekt abzielt. Dies festigt das Verständnis für das “Việt” als zentralen Bestandteil der regionalen Identität.
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Above Dr. Nguyễn Ngọc Bình (Bildmitte) bei einem akademischen Austausch, der die Bedeutung von “Việt”-Studien unterstreicht.
Welche Themenbereiche besitzen aus Forschungsperspektive derzeit das größte Potenzial für eine vertiefte Zusammenarbeit zwischen vietnamesischen und thailändischen Wissenschaftlern?
Das größte Potenzial liegt in interdisziplinären Ansätzen, die Sprache, Erinnerung, Migration und Bildung als konstitutive Elemente der Beziehungen begreifen. Ein wichtiger Aspekt ist die Geschichte der grenzüberschreitenden Netzwerke, etwa durch die Erforschung maritimer Handelswege zwischen Đại Nam und Siam. Auch die Erforschung der vietnamesischen Gemeinschaft in Nordostthailand als “lebendes Gedächtnis” bietet spannende Ansätze für die Außenwirkung des “Việt”.
Zudem sollte der Fokus auf den Thailand-Studien in Vietnam und den “Việt”-Studien in Thailand als Forschungsthema über “Wissen voneinander” liegen. Wir müssen verstehen, wie tief das Wissen über die jeweils andere Kultur in Medien und Alltag verankert ist, um ein gemeinsames Projekt über “Erinnerung, Sprache und Identität im Kontext der ASEAN-Integration” zu realisieren.

Above Symbolbild für den wissenschaftlichen Dialog zwischen Vietnam und Thailand zur Stärkung des “Việt”-Wissens.
Sprache und Bildung sind Schlüssel zum interkulturellen Verständnis. Wie trägt der Unterricht der jeweils anderen Sprache zu einer besseren Vorstellung der Lebensweise bei?
Das Erlernen der thailändischen Sprache in Vietnam und des “Việt” in Thailand ist ein Prozess, der den Zugang zu Werten, Verhaltensweisen und geschichtlichen Deutungen des Nachbarn ermöglicht. Wenn Studierende die vietnamesische Sprache lernen, verstehen sie nicht nur Grammatik, sondern auch die sozialen Nuancen, familiären Hierarchien und die “Việt”-Identität, die in jeder Begrüßung und jedem zwischenmenschlichen Kontakt mitschwingt.
Die Integration kultureller Aspekte in den Unterricht an der Thammasat-Universität macht deutlich, dass es nicht nur darum geht, eine Sprache zu beherrschen, sondern ein empathisches Verständnis zu entwickeln. Damit bilden wir eine neue Generation von kulturellen Vermittlern aus, die das “Việt” und die thailändische Kultur gleichermaßen zu schätzen wissen.

Above Studenten beim Sprachunterricht, die das “Việt” und die thailändische Kultur als Brücke zueinander begreifen.
Was hat Ihre persönliche Sicht auf Thailand und die Menschen dort am meisten geprägt?
Mein Interesse wurde maßgeblich durch das Werk von Prof. Dr. Phạm Đức Dương, “Das sprachlich-kulturelle Bild der ethnischen Gruppen in Vietnam und Südostasien”, beeinflusst. Es lehrte mich, Nationen nicht als geschlossene Entitäten, sondern als Teil vernetzter historischer und kultureller Räume zu betrachten. Thailand lässt sich nicht isoliert verstehen, sondern nur im Kontext mit Vietnam, Laos, Kambodscha und der gesamten südostasiatischen Region. Dieser Ansatz half mir, das “Việt” in einen größeren, organischen Raum einzuordnen.

Above Impression aus den akademischen Netzwerken, die das “Việt”-Wissen in Südostasien fördern.
Was wünschen Sie sich für die nächsten fünfzig Jahre und die Rolle der Wissenschaft dabei?
Ich wünsche mir, dass die Menschen in Vietnam und Thailand einander über Klischees hinaus verstehen — mit einem tieferen Bewusstsein für die historische Komplexität und die gemeinsamen Herausforderungen der Gegenwart. Die Wissenschaft spielt hierbei die Rolle einer Brücke: durch seriöse Forschung und offenen Dialog. Wir sollten eine dauerhafte akademische Gemeinschaft aufbauen, die den Wissensaustausch über das “Việt” und thailändische Themen stetig vorantreibt. Wenn Wissen kontinuierlich akkumuliert wird, bleibt das gegenseitige Verständnis bestehen, unabhängig von politischem Wetter oder feierlichen Jubiläen.
Dr. Nguyễn Ngọc Bình ist Dekan der Fakultät für Linguistik, “Việt”-Sprache und Vietnam-Studien an der Universität für Sozial- und Geisteswissenschaften, Vietnam National University, Hanoi.




