Cover Die Zukunft der Bildung: Was müssen Menschen lernen, wenn KI alle Antworten kennt?

In kurzer Zeit hat sich KI von einem technischen Hilfsmittel zu einem Lernbegleiter entwickelt, der Mathematikaufgaben löst, Aufsätze schreibt und personalisiertes Feedback gibt. Dies wirft eine fundamentale Frage für die globale Bildung auf: Was müssen wir Menschen noch lernen, wenn Maschinen immer besser darin werden, Antworten zu liefern?

 

Wenn Hausaufgaben an Bedeutung verlieren

Die Eröffnung des Zentrums für Innovation in Lehre und Lernen (VCTLI) in Hanoi spiegelt das Bestreben wider, die Bildung in der Post-KI-Ära neu zu gestalten. Der Fokus liegt dabei nicht mehr nur auf der reinen Wissensvermittlung, sondern vielmehr auf dem Schutz und der Förderung der menschlichen Denkfähigkeit im Zeitalter der Algorithmen. Das unter der Schirmherrschaft des Vietnam Institute for Advanced Study in Mathematics (VIASM) gegründete Zentrum bringt zahlreiche renommierte Wissenschaftler sowie Bildungsexperten aus dem In- und Ausland zusammen. Gemeinsam erforschen sie die Zukunft der Bildung im Bereich Mathematik, während Künstliche Intelligenz das Lernverhalten grundlegend verändert.

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Above Das Zentrum für Innovation in Lehre und Lernen (VCTLI) wurde als evidenzbasierte Forschungs- und Anwendungsorganisation gegründet, um den neuen Herausforderungen der Bildung im KI-Zeitalter zu begegnen. Das Zentrum arbeitet in einem offenen Kooperationsmodell und vernetzt Forscher, Pädagogen, Universitäten sowie in- und ausländische Technologiepartner, um die mathematische Ausbildung in Vietnam voranzutreiben. Die Aktivitäten konzentrieren sich auf vier Hauptsäulen: wissenschaftliche Forschung zum Mathematikunterricht im Kontext der KI-Integration, Lehrerausbildung, Aufbau von Versuchsklassen und Mathematikclubs an Schulen sowie die Verbreitung mathematischen Wissens durch offene Materialien und Fachpublikationen.
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Above Experten diskutieren über die weitreichenden Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz auf unsere moderne Gesellschaft und Bildung.

In seiner Eröffnungsrede betonte Professor Ngô Bảo Châu, Mitglied des Beirats des Zentrums, ein Paradoxon, das in heutigen Klassenzimmern immer deutlicher wird: Ein Teil der Schüler und Studenten verlässt sich bei den Hausaufgaben zu stark auf KI. Dadurch sind diese Aufgaben keine Gelegenheit mehr, kognitive Fähigkeiten zu trainieren, sondern werden zunehmend zu einer bloßen Pflichterfüllung. Ihm zufolge könne “der Einfluss der Künstlichen Intelligenz sehr positiv, aber auch sehr negativ sein — je nachdem, wie wir diese Technologie nutzen oder eben nicht nutzen”. Besorgniserregend sei nicht die Technologie an sich, sondern die Tatsache, dass der Mensch die “intellektuelle Arbeit” verliere, die den Kern des Lernens bilde. “Wenn die Bildung nicht mit echter intellektueller Anstrengung einhergeht, wird es meiner Überzeugung nach kaum Fortschritte geben”, bekräftigte er.

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Die größte Sorge ist nicht die KI selbst

Dr. Hoàng Anh Đức, Direktor des VCTLI, erklärte, dass die Gründung des Zentrums aus einer zunehmend klaren Erkenntnis aus internationaler Forschung und Zusammenarbeit resultiere: Die Bildung tritt in eine Phase ein, in der der unstrategische Einsatz von Technologie unvorhersehbare und langfristige Konsequenzen nach sich ziehen könnte.

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Above Führende Wissenschaftler und Bildungsexperten versammeln sich, um über die Zukunft des Lehrens zu debattieren.
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Above Eine aufmerksame Zuhörerschaft verfolgt die neuesten Präsentationen über innovative Ansätze in der modernen Bildungsforschung.

Wir lassen uns sehr leicht von dem Gefühl mitreißen, dass Technologie kurzfristig äußerst faszinierend und effektiv ist, und vergessen dabei, die langfristigen Auswirkungen zu hinterfragen.

- Dr. Hoàng Anh Đức, Direktor des VCTLI -

Im Jahr 2025 führte eine Forschungsgruppe unter der Leitung von Prof. Ngô Bảo Châu einen Vergleich des vietnamesischen Mathematiklehrplans mit elf verschiedenen Ländern aus Nordostasien, Europa, den USA und Australien durch. Eine der wichtigsten Schlussfolgerungen dieser Studie lautete: Die Zukunft der mathematischen Bildung liegt nicht darin, dass Schüler mehr Rechenaufgaben lösen können als eine KI. Vielmehr geht es um die Fähigkeit, kritisches Denken, Metakognition und die Kompetenz zur richtigen Fragestellung zu entwickeln.

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Above Podiumsdiskussionen bieten eine exzellente Plattform für den intensiven Austausch über Herausforderungen im aktuellen Schulsystem.

Die Zusammenführung internationaler Wissenschaftler wie Barbara Oakley, Dan Rothstein oder Tony Wagner zeigt zudem, dass Vietnams Bildungswesen nun aktiv an globalen Diskursen über Lernwissenschaften, Metakognition und die Zukunft der Klassenzimmer im KI-Zeitalter teilnimmt.

Wenn die Künstliche Intelligenz das Finden von Antworten so einfach wie nie zuvor macht, rückt eine ganz andere Kompetenz in den Vordergrund: die Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen. Laut Dr. Hoàng Anh Đức gilt: “Je mehr wir KI nutzen, desto deutlicher erkennen wir, dass es nicht nur darum geht, Antworten zu finden, sondern vielmehr darum, wer die besseren und interessanteren Fragen stellen kann.”

“Think. Question. Discover.” und die Zukunft des Klassenzimmers

Aus Sicht des Bildungsmanagements argumentiert Dr. Tạ Ngọc Trí, stellvertretender Leiter der Abteilung für Allgemeinbildung im Bildungsministerium, dass KI das Bildungssystem dazu zwingt, die eigentliche Natur des Lernens zu überdenken. Als ehemaliger Mathematiklehrer zitiert er das berühmte Prinzip des Mathematikers George Pólya: “Ein Lehrer sollte dem Schüler helfen, aber weder zu viel noch zu wenig.”

“Wenn KI lediglich dazu eingesetzt wird, Aufgaben anstelle der Schüler zu lösen, bedeutet das, dass wir ‘zu viel helfen’. Die Lernenden haben dann nicht mehr die Möglichkeit, Wissen selbst zu entdecken und ihr eigenes Denkvermögen zu trainieren”, erklärte er.

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Above Die Entwicklung von kritischem Denken wird zu einer der wichtigsten Kernkompetenzen für alle künftigen Generationen.
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Above Interaktive Lernformate sollen Schüler dazu anregen, eigene Lösungswege zu finden und kritisch zu hinterfragen.
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Above Der Einsatz von neuen Technologien im Klassenzimmer erfordert ein strategisches und wohlüberlegtes pädagogisches Konzept zur Bildung.

Dennoch betonte er auch, dass das System die Künstliche Intelligenz nicht einfach ablehnen dürfe. Das Ministerium für Bildung und Ausbildung hat bereits einen Rahmen für digitale Kompetenzen sowie Richtlinien für Lehrkräfte und Lernende verabschiedet. Entscheidend sei jedoch, wie die Technologie eingesetzt wird, ohne dass Kreativität, unabhängiges Denken und Problemlösungsfähigkeiten der Schüler verloren gehen.

Diese Sichtweise spiegelt einen größeren globalen Trend wider: Die Bildung der Post-KI-Ära konzentriert sich nicht mehr auf das Auswendiglernen von Informationen, sondern zielt darauf ab, kognitive Fähigkeiten auf höherem Niveau wie kritisches Denken, Metakognition und Problemlösung aufzubauen. Vor diesem Hintergrund wird die Mathematik zu einem der wichtigsten Felder der zukünftigen Bildung, da sie die Fähigkeit zu strukturiertem, kritischem Denken und zum Entdecken schult.

Das Motto des VCTLI besteht aus drei scheinbar einfachen Verben: “Think. Question. Discover.” (Denken. Hinterfragen. Entdecken.) — und vielleicht ist genau das, was die Bildung im KI-Zeitalter am meisten schützen muss.

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