Fühlen Sie sich im digitalen Zeitalter von der ständigen Schnelllebigkeit überwältigt? Vielleicht ist es an der Zeit, das Smartphone oder Tablet beiseite zu legen und durch handschriftliche Notizen zur Ruhe zu kommen, um all Ihre Gedanken zu ordnen und zu Ihrem wahren Selbst zu finden.
In der heutigen digitalen Ära reicht ein einfaches Tippen auf den Smartphone-Bildschirm, um das Gesehene festzuhalten und auf Social-Media-Plattformen zu teilen. Die stetig wachsende Anzahl von Likes vermittelt dabei ein tiefes Gefühl der Bestätigung.
Doch diese rasante Informationsflut bringt auch potenzielle Nachteile mit sich. Viele Reisende denken beim Anblick eines exquisiten Essens nicht mehr an den Genuss, sondern nur noch an das perfekte Foto. Selbst inmitten atemberaubender Landschaften wird vergessen, die Details mit eigenen Augen zu betrachten. Stattdessen sorgt man sich nur um das eigene Erscheinungsbild auf dem Bild, wodurch das Reisen seinen ursprünglichen Sinn verliert. Um mehr Anerkennung zu erhalten, schlüpfen Nutzer oft unbewusst in eine künstliche Rolle, was zu inneren Konflikten und einer erheblichen psychischen Belastung führt.
In einer solchen Zeit mag die Gewohnheit, handschriftliche Notizen zu verfassen, aufgrund des Zeitaufwands veraltet erscheinen. Zahlreiche Studien belegen jedoch unmissverständlich, dass das handschriftliche Anfertigen von Notizen maßgeblich dazu beiträgt, ein gesundes und ausgeglichenes Wohlbefinden zu bewahren.

Above Das persönliche Notizbuch der Kunstschaffenden Evon Wang, gefüllt mit inspirierenden Notizen. (Foto: Weslie Wei)
Die verborgene Kraft der Notizen

Above Wissenschaftliche Studien zeigen deutlich, dass handschriftliche Notizen das menschliche Gedächtnis effektiv unterstützen. (Foto: Andia/Universal Images Group via Getty Images)
In einer Studie der Universität Tokio aus dem Jahr 2021 wurden Probanden gebeten, ihre Termine entweder auf Papier oder digital zu erfassen. Die Ergebnisse zeigten, dass diejenigen, die handschriftliche Notizen machten, sich bei visuellen Reizen etwa 25 Prozent schneller an die entsprechenden Informationen erinnerten als die digital arbeitende Gruppe. Forscher vermuten, dass physisches Papier durch greifbare Eigenschaften wie Seitenpositionen, Falten und die eigene Handschrift als Orientierungshilfe dient. Andere wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen zudem, dass das taktile Erlebnis beim Schreiben das Gehirn weitaus stärker stimuliert als das bloße Tippen auf einem Tablet oder Smartphone. Handgemachte Reisenotizen helfen nicht nur dabei, den Moment intensiver zu genießen, sondern verankern die wunderbaren Erinnerungen auch nachhaltiger im Gedächtnis als flüchtige Fotos oder Videos.
Darüber hinaus entdeckte der amerikanische Sozialpsychologe James Pennebaker in seinen Forschungen, dass Menschen, die täglich 20 Minuten lang ihre persönlichen Herausforderungen niederschreiben — seien es emotionale Rückschläge, familiäre Konflikte oder traumatische Erlebnisse —, lernen, chaotische Emotionen in eine bedeutungsvolle Erzählung zu verwandeln. Dadurch festigen sie ihre Identität, bauen harmonischere Beziehungen auf und können neuen Herausforderungen mutiger begegnen. Diese Erkenntnisse verdeutlichen, dass bereits einfache tägliche Notizen zur emotionalen Entlastung weitreichende positive Effekte auf die geistige und körperliche Gesundheit haben.
Das Schöne als Teil des eigenen Selbst verinnerlichen

Above Evon genießt den meditativen Prozess, ihre persönlichen Notizen liebevoll niederzuschreiben. (Foto: Weslie Wei)
Als Kunstschaffende pflegt Evon Wang ein besonderes morgendliches Ritual: Sie brüht sich einen Tee auf, lässt sanfte Musik spielen und beginnt, in ihrem Notizbuch zu schreiben. Auf ihrem Lieblingsregal stehen 99 Bücher, die sie für besonders lesenswert hält. Oft zieht sie zwei Spielkarten und wählt anhand der Zahlen das entsprechende Buch aus, schlägt eine Seite auf und notiert sich inspirierende Passagen. Manchmal verfasst sie auch zeitlich ungebundene Notizen — flüchtige Erinnerungen, tiefgründige Gedanken zum Weltgeschehen oder kurze poetische Zeilen.
Evon genießt diesen meditativen Schreibprozess in vollen Zügen: “Währenddessen kommen einem viele Dinge in den Sinn, vielleicht Unzufriedenheit, Beschwerden oder negative Emotionen. Durch das Schreiben kann man all dies loslassen.” Dieser Vorgang mag nur zehn Minuten dauern, doch er ermöglicht es ihr, einen aufrichtigen inneren Dialog zu führen, den wahren Ursprung ihrer Gefühle zu ergründen und diese wertvollen Erkenntnisse sicher in ihren Notizen zu bewahren.

Above Auf ihren Reisen nimmt sich Evon bewusst Zeit für sich selbst und dokumentiert ihre Erlebnisse durch detaillierte Notizen. (Foto: Weslie Wei)
In dem faszinierenden Reise-Notizbuch, das Evon mit uns teilte, finden sich unzählige handschriftliche Zeilen und liebevolle Illustrationen. Zudem bewahrt sie darin gesammelte Fahrkarten, Quittungen, Eintrittskarten und sogar kleine Produktverpackungen auf. Im Jahr 2023 reiste sie nach Europa für ihren ersten Aufenthalt in einer dortigen Künstlerresidenz. Allein in einer fremden Umgebung fand sie umso mehr Zeit für ihre Notizen — eine Gewohnheit, die seitdem zu einem unverzichtbaren Bestandteil ihrer Reisen geworden ist.
Ob abends nach der Rückkehr ins Hotel oder gleich nach dem Aufwachen: Evon nimmt die gesammelten Erinnerungsstücke des Tages, klebt sie sorgfältig in ihr Buch, ergänzt sie mit feinen Zeichnungen und hält die besonderen Erlebnisse schriftlich fest. Während dieses kreativen Prozesses lässt sie die atemberaubenden Landschaften, die flüchtigen Begegnungen und die inspirierenden Momente der Reise noch einmal Revue passieren.
Zwar ist das Festhalten von Momenten mit der Kamera zweifellos praktisch, doch Evons Methode, Reisen handschriftlich zu dokumentieren, spiegelt mit jedem einzelnen Federstrich ihren wahren Gemütszustand wider. Evon erklärt: “Beim Anfertigen von Notizen wird selbst ein sehr einfacher Satz durch das Aufschreiben tief verinnerlicht und zu einem untrennbaren Teil der eigenen Persönlichkeit.”

Above Evon betont, dass handschriftliche Notizen dabei helfen, die Schönheit des Reisens tief im eigenen Selbst zu verankern. (Foto: Weslie Wei)
Dem wahren Selbst mutig begegnen

Above Evon empfiehlt Kunstschaffenden wärmstens, sich eine tägliche Routine für inspirierende Notizen anzugewöhnen. (Foto: Weslie Wei)
Evon las einmal die Empfehlung eines Autors, dass Kreative sich eine morgendliche Routine für ihre Notizen angewöhnen sollten: Ein Blatt Papier zur Hand nehmen und ohne Unterbrechung schreiben, bis drei Seiten vollständig gefüllt sind. Dies ist ein entscheidender Prozess, der nicht nur die geistige Beweglichkeit erhält, sondern auch das kontinuierliche Denken fördert und jeden noch so flüchtigen Gedanken für die Ewigkeit festhält.
Evon teilt zudem ihre persönlichen Erkenntnisse aus dieser tiefgreifenden Praxis. Sie arbeitet hauptsächlich mit Keramik: “Sobald Keramik gebrannt ist, kann sie Jahrtausende unbeschadet überdauern.” Dieses außergewöhnliche Konzept bildet den Kern ihrer Kunst. “Ich suche in meinen Notizen nach hinterlassenen Gedanken und verbinde diese direkt mit der Keramik.” Aus diesem Grund finden sich in Evons Werken oft poetische Textfragmente, feine Gedichte oder gesellschaftliche Themen, die sie zu einer bestimmten Zeit stark bewegten. Ihre täglichen Notizen dienen ihr als unverzichtbare Inspirationsquelle, um bedeutsame Fragmente und brillante Geistesblitze jederzeit wiederzufinden. Diese wertvollen Botschaften harmonisch in ihre Keramik einfließen zu lassen, bedeutet für Evon, jene flüchtigen Momente für die kommenden Jahrtausende zu bewahren.

Above Beim Verfassen von Notizen lassen sich Emotionen ordnen und man tritt seinem wahren Selbst aufrichtig gegenüber. (Foto: Weslie Wei)
Wie die meisten Menschen in der heutigen Zeit fotografiert Evon, schneidet kurze Videos und teilt diese auf den sozialen Medien. Dennoch merkt sie kritisch an: “Selbst wenn man einen rein privaten Account nutzt, nimmt man unmittelbar vor dem Hochladen unweigerlich eine gewisse Auswahl oder Selbstzensur vor.” Die Evon, die man online sieht, ist zwar keineswegs künstlich, repräsentiert jedoch stets nur eine sorgfältig ausgewählte Facette ihrer vielschichtigen Persönlichkeit.
Ein physisches Notizbuch hingegen bleibt Evons ganz intimer Raum. Hier finden sowohl strahlend positive als auch dunkle, frei fließende Emotionen ihren sicheren Platz zwischen den Zeilen. Evon ist der festen Überzeugung, dass das schonungslose Verfassen von Notizen auch bedeutet, sich den eigenen Schattenseiten mutig zu stellen. “Beim digitalen Teilen des Lebens werden diese tiefen Aspekte nur allzu leicht verborgen; das kann gefährlich werden, da man langfristig nicht vor ihnen fliehen kann.” Nur durch bedingungslose Ehrlichkeit lässt sich ein wahrhaft tieferes Selbstverständnis erlangen und vermeiden, sich selbst oder andere unabsichtlich zu verletzen. Beim Schreiben bringt Evon die immense Kraft auf, ihr Innerstes aufrichtig zu akzeptieren. Diese absolute Wahrhaftigkeit ist das kostbarste Geschenk, das ihr das regelmäßige Schreiben von Notizen gemacht hat — eine tiefgründige Lektion, die auch für uns im hektischen digitalen Zeitalter von unschätzbarem Wert ist.
Die in diesem Artikel porträtierte Künstlerin Evon Wang teilt ihre Liebe zu Notizen und Handwerk.
Weitere Informationen über ihre bewegende Geschichte und ihre faszinierenden Keramikwerke finden Sie auf ihrer offiziellen Website sowie auf ihrem Social-Media-Profil @evonwang_ceramics.
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Credits
Interview: Edgar Chang
Words: Edgar Chang
Photography: Weslie Wei
Production: Alec Zhan



