Cover Der Pianist Steven Lin in einem exklusiven Interview zur Zukunft der Musik (Foto: Yonn Lin)

Der international renommierte Pianist Steven Lin hat als Mitbegründer und künstlerischer Leiter von Opus Formosa eine Vision: Musik als universelle Sprache zu etablieren. Mit Erfahrungen vom Guggenheim-Museum Bilbao im Gepäck bringt er frischen Wind in die Klassik-Szene.

Rückblickend auf seinen musikalischen Weg beschreibt sich Steven Lin schmunzelnd als einen “spät gereiften” Musiker. In dieser Branche ist es üblich, dass Karrieren schon im Kindesalter durch unzählige Wettbewerbe vorgezeichnet sind. Doch für Lin, der zwischen seinem zehnten und achtzehnten Lebensjahr in den USA aufwuchs, war das Leben ein Balanceakt: Unter der Woche besuchte er eine öffentliche Schule, spielte Fußball und Basketball, während er am Samstag in der Juilliard Pre-College-Abteilung sein Klaviertalent verfeinerte. Dass er ein außergewöhnlicher Pianist war, blieb den meisten Mitschülern verborgen.

Diese Erfahrung zwischen Alltag und musikalischer Exzellenz bewahrte seine Neugier. Erst mit zwanzig Jahren traf er die bewusste Entscheidung, den Weg als Konzertpianist einzuschlagen. Steven Lin ist dankbar für seine bodenständige Erziehung, die ihm ermöglichte, die Welt abseits der Klaviertasten mit frischem Blick zu betrachten. Seine Entscheidung für die Musik war kein fremdbestimmter Pfad, sondern eine wahrhaft eigene Wahl.

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Above Der Pianist Steven Lin in einem exklusiven Interview (Foto: Yonn Lin)
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Above Steven Lin im Porträt während des Gesprächs über Musik (Foto: Yonn Lin)

Die Balance zwischen Vernunft und Gefühl

Als Musiker und gleichzeitig als Administrator tätig zu sein, erfordert eine präzise Balance. Für Steven Lin sind Zeitmanagement und der mentale Wechsel zwischen diesen beiden Welten entscheidend.

Lin erklärt: “In der administrativen und geschäftlichen Arbeit muss man logisch und lösungsorientiert sein. Das ähnelt dem Überwinden technischer Herausforderungen am Klavier.” Doch er betont auch, dass wahre künstlerische Tiefe Raum benötigt. Administrative Aufgaben sind straff durchgetaktet, doch um als Künstler zu agieren, brauche er vier bis sechs Stunden absolute Ruhe. Erst wenn der Geist zur Ruhe kommt, könne man das große Ganze erfassen und eine wirklich persönliche, emotionale Stimme im Spiel finden.

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Above Steven Lin betrachtet die Zukunft der klassischen Musik (Foto: Yonn Lin)
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Above Impressionen aus dem Porträt von Steven Lin (Foto: Yonn Lin)

Vom Guggenheim-Museum nach Taipeh

Schon vor der Gründung seines eigenen Musikfestivals bewies Steven Lin internationales Geschick. Im Juni leitete er ein Team, das in Zusammenarbeit mit dem ABAO-Opernhaus das “Basque Musikaste” im Guggenheim-Museum Bilbao organisierte. Alles begann mit einem mutigen Traum: Während eines Abendessens äußerte er gegenüber einem Bürgermeister seinen Wunsch, ein Konzert in diesem architektonischen Meisterwerk von Frank Gehry zu veranstalten. Der Bürgermeister kannte zufällig den Museumsleiter, und das Projekt nahm Gestalt an.

Das Erlebnis, ein Klavier in eine so beeindruckende visuelle Umgebung zu stellen, berührte ihn tief. “Musik hat die magische Kraft, Sprachbarrieren zu überwinden und Menschen miteinander zu verbinden”, so Lin. Trotz der komplexen administrativen Hürden war der Moment, in dem die ersten Töne im Guggenheim erklangen, jede Mühe wert. Dieses Projekt gab ihm das Vertrauen, dass er ein solches Festival auch in seiner Heimat Taiwan etablieren kann, um die dortige Musikszene zu bereichern.

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Above Steven Lin im Fokus des Interesses (Foto: Yonn Lin)

Klassische Musik für die Moderne erlebbar machen

Im September startete Steven Lin die erste Ausgabe des Opus-Festivals mit Stationen in Taipeh, Taichung und Kaohsiung. Der Fokus lag dabei auf Kammermusik. Das Programm reichte vom Minimalismus eines Philip Glass über die Romantik von Robert Schumann bis hin zu George Gershwins Jazz-Einflüssen und Dmitri Schostakowitschs dramatischen Konzertstücken.

“Wir möchten jungen Musikern eine Bühne bieten und dem Publikum zeigen, welche enorme Energie in der Kammermusik steckt”, sagt Lin. Vorurteile, Klassik sei elitär, begegnet er mit Offenheit. Historisch gesehen mag das stimmen, aber das sollte moderne Hörer nicht abschrecken. Er setzt auf kluge Programmgestaltung: Statt einstündiger Mahler-Symphonien, die den Einstieg erschweren könnten, präsentiert er kurze, abwechslungsreiche Stücke, die man sogar in Hotelhallen oder Weingütern genießen kann.

In einer Ära, in der KI nach Effizienz strebt, sieht Steven Lin das menschliche Empfinden als das höchste Gut. Sein Ziel ist es, dass das Publikum den Konzertsaal mit einem Gefühl von Freude oder Heilung verlässt. Wenn die Musik eine Seele berührt, ist das für ihn das schönste Kompliment.

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Above Steven Lin bei einem seiner Auftritte am Klavier (Foto: Yonn Lin)
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Above Die Leidenschaft von Steven Lin für die Musik (Foto: Yonn Lin)
Ben Kuo
Digitalredakteur, Tatler Taiwan
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ben.kuo@tatlerasia.com