Anlässlich des LOEWE Craft Prize 2026 in der National Gallery Singapore reflektiert Sheila Loewe, die Hüterin des künstlerischen Erbes und Tochter von Enrique Loewe Lynch, über die Leidenschaft, die in den Adern der Familie fließt.
Während “Handwerk” (Craft) zum Schlagwort der heutigen Luxuswelt avanciert, fällt die Antwort von Sheila Loewe, der Vorsitzenden der LOEWE-Stiftung, präzise und charakterstark aus. “Wenn wir durch unser Engagement dem Kunsthandwerk wirklich helfen können, begrüße ich das. Doch ich lehne es entschieden ab, Handwerk rein zur kommerziellen Profitmaximierung zu instrumentalisieren. Seit 38 Jahren schreibt die LOEWE-Stiftung eine wahre Geschichte, geboren aus reiner Liebe zur Kunst. Wir nutzen weder Poesie noch Handwerk aus.”
Diese kompromisslose Haltung ist kein aufgesetztes Image, sondern liegt in ihrer DNA begründet. Sheila Loewe ist die Tochter von Enrique Loewe Lynch, dem Vertreter der vierten Generation. Blickt man 180 Jahre zurück, war bereits der erste Gründer ein wahrer Meister seines Fachs. “Die Liebesgeschichte zwischen LOEWE und dem Handwerk ist unbestreitbar. Die Stiftung investiert all unsere Leidenschaft, denn Handwerk ist unser Wesenskern: Es ist das, was wir besitzen und wer wir sind.”
LOEWE und die Ambition: Schutz alter Techniken durch Innovation

Above Preisträger Jongjin Park, LOEWE-Stiftungsvorsitzende Sheila Loewe sowie Kreativdirektoren bei der Preisverleihung (Foto: LOEWE)

Above Impressionen aus der Ausstellung des LOEWE Craft Prize 2026 (Foto: LOEWE)
Seit der Gründung des jährlichen Handwerkspreises im Jahr 2016 ist dieser mittlerweile in der neunten Ausgabe angelangt. In diesen neun Jahren blieb das Kernkriterium der Auswahl trotz wechselnder Trends stets beständig: der Schutz alter Techniken, ihre innovative Weiterentwicklung und die Sicherung ihres Fortbestands in der Zukunft.

Above LOEWE-Stiftungsvorsitzende Sheila Loewe mit der diesjährigen hochkarätigen Jury (Foto: LOEWE)
Für Sheila ist Handwerk kein verstaubtes Relikt, sondern eine lebendige Sprache. Der diesjährige LOEWE-Preis präsentierte Werke, die Produktion als ein Wechselspiel aus Spannung und Instabilität begreifen. Naturthemen prägen die Materialwahl, während Konzepte wie Wachstum und Zerfall durch Techniken wie Weben oder Schichten tief in den Objekten verankert sind. Traditionen werden hier im zeitgenössischen Kontext neu definiert, wobei die Exponate stets den Dialog zwischen Kontinuität und Wandel suchen.
Preisträger Jongjin Park: Die Poesie des Verschwindens

Above Der koreanische Künstler Jongjin Park mit seinem prämierten Werk “Strata of Illusion” (Foto: LOEWE)
In diesem Jahr kürte die Expertenjury den koreanischen Künstler Jongjin Park für seine Keramikskulptur “Strata of Illusion” aus einer beeindruckenden Auswahl von 5.100 Einreichungen aus 133 Ländern.
Sheila erinnert sich, dass das Werk die Jury von Anfang an faszinierte: Die Struktur aus tausenden mit Porzellan beschichteten Papierschichten kollabierte im Brennvorgang auf kontrollierte Weise, wodurch eine organische, unvollkommene Form entstand. Das Werk ist ein Zeugnis von Risiko und künstlerischem Feingefühl.
Die Jury war von dieser “Poesie des Verschwindens” tief bewegt. Sheila erklärt: “Obwohl es aus der Keramik stammt, erinnert der Formungsprozess an die Glasbläserei, während die Papierlagen an Buchbinderei denken lassen. Das Werk weigert sich, durch ein einzelnes Material definiert zu werden – es besitzt eine ergreifende Schönheit.”
Der Aufstieg des ostasiatischen Kunsthandwerks

Above Jieun Park (Südkorea) mit ihrem Werk “Seed of Circulation” (Foto: LOEWE)
Dass die Verleihung in Singapur stattfand, verlieh dem Anliegen eine besondere Note. Sheila betonte, dass Südostasien eine lebendige Designszene besitzt. Die Präsentation in der National Gallery habe es ermöglicht, regionale Kunsthandwerk-Facetten mit dem internationalen Diskurs zu verbinden.

Above Der südkoreanische Handwerkskünstler Jongjin Park im Porträt (Foto: LOEWE)
Besonders beeindruckend war die starke Präsenz koreanischer Kunstschaffender, die sechs der 30 Finalistenplätze belegten. Sheila lobte: “In manchen Teilen der Welt muss man ein 'verrückter Held' sein, um vom Handwerk zu überleben, doch in Korea wird es als nationale Ehre betrachtet. Die Sensibilität für Materialien liegt dort in der Natur der Menschen.”
Kreative Impulse von Jack McCollough und Lazaro Hernandez

Above Weitere Einblicke in die LOEWE-Craft-Prize-Ausstellung (Foto: LOEWE)
Die Aufnahme der LOEWE-Kreativdirektoren Jack McCollough und Lazaro Hernandez in die Jury brachte frischen Wind. Laut Sheila brachten sie eine lebendige, moderne Perspektive ein. Die diesjährige Ausstellung wirkte durch ihre Einflüsse dynamischer und “cooler”, geprägt von intensiveren Farben und einer spielerischen Herangehensweise an Materialien.
Geschichten als wahrer Wert des Handwerks

Above LOEWE-Stiftungsvorsitzende Sheila Loewe im Interview (Foto: LOEWE)
Für Sheila liegt der größte Wert des Handwerks in den verborgenen Geschichten der Künstler. Es geht nicht nur um das Objekt, sondern um die Hingabe und die Jahre der Ausdauer hinter der Arbeit. Die Sorge um das Aussterben seltener Traditionen treibt die Stiftung an, eine “Craft Prize Family” zu bilden, um das Überleben dieser Talente zu sichern.
Wenn Handwerk nicht mehr einsam ist

Above Gruppenfoto der Finalisten des LOEWE Craft Prize 2026 (Foto: LOEWE)

Above Lobende Erwähnung für Baba Tree Master Weavers & Álvaro Catalán de Ocón mit “Frafra Tapestry” (Foto: LOEWE)
Sheila berichtet, dass viele Künstler durch die “Craft Prize Family” erst ihr Zugehörigkeitsgefühl fanden. Mit mittlerweile 270 Mitgliedern hat die Stiftung die Plattform “The Room” geschaffen, um die Werke und die Bedeutung des Handwerks weltweit sichtbar zu machen. “Wir alle lieben das Handwerk”, schließt Sheila, “und wir hoffen, diese Liebe weltweit zu verbreiten.”
LOEWE Craft Prize: Besondere Highlights der Finalisten
Aus über 5.100 Einreichungen wurden diese exzellenten Finalisten-Arbeiten ausgewählt, die den hohen Standard von LOEWE widerspiegeln.
【Preisträger】Jongjin Park (Südkorea)|“Strata of Illusion”

Above Jongjin Park (Südkorea) mit seinem Werk “Strata of Illusion” (Foto: LOEWE)
Das Werk besteht aus tausenden mit Porzellan beschichteten Papierschichten. Durch den Brennvorgang entsteht eine organische Deformation, die die Jury durch ihre Poesie und die Balance zwischen Risiko und Materialverhalten tief beeindruckte.
謝佳珍 (Taiwan)|“Rhythmus”

Above 謝佳珍 (Taiwan) mit ihrem Werk “Rhythmus” (Foto: LOEWE)
Eine herausragende Arbeit aus Bambus. Ein 70 cm großer Würfel kombiniert einen starren Rahmen mit tausenden feinen Bambusstreifen im Inneren, was einen spannenden Kontrast zwischen Stabilität und feiner Struktur schafft.
Maria Koshenkova (Dänemark)|“Skin of Faunus (Pink Arena)”

Above Maria Koshenkova (Dänemark) mit “Skin of Faunus (Pink Arena)” (Foto: LOEWE)
Die Künstlerin verbindet Altes Glas mit Silberchemie. Das Material wirkt wie eine eigene Haut, die sich schichtet und faltet, und verwandelt hartes Glas in eine sinnliche, fast malerische Form.
Vivi Rosa (Brasilien)|“Resonanz”

Above Vivi Rosa (Brasilien) mit ihrem Werk “Resonanz” (Foto: LOEWE)
Vivi Rosa nutzt recyceltes Glas, Baumwollreste und Zement für einen innovativen, brennfreien Verbundwerkstoff. Die Textur erinnert an die Erde und thematisiert das nachhaltige Verhältnis von Handwerk und Natur.
Morten Løbner Espersen (Dänemark)|“#2572”

Above Morten Løbner Espersen (Dänemark) mit “#2572” (Foto: LOEWE)
Inspiriert von täglichen Spaziergängen zeigt das Werk dreifach glasierte Oberflächen. Die Farben wirken wie geologische Schichten und interpretieren japanische Glasur-Traditionen auf eine moderne, spontane Weise neu.
許維麟 (Singapur)|“Unendlich”

Above 許維麟 (Singapur) mit dem Werk “Unendlich” (Foto: LOEWE)
Der Künstler nutzt die Buchbindetechnik des 19. Jahrhunderts. Papier, Stickgarn und Aluminiumdraht werden zu einer architektonischen Skulptur verwoben, die traditionelle Handwerkskunst in den Raum hebt.




