Cover Die beeindruckende historische Fassade des Kulturerbes House of Tan Yeok Nee.

Singapurs einziges verbleibendes Herrenhaus im traditionellen Teochew-Stil öffnet wieder seine Türen und zelebriert durch fachmännische Restaurierung Handwerkskunst und Kulturerbe.

Auf den ersten Blick wirkt das House of Tan Yeok Nee an der Penang Road fast wie aus der Zeit gefallen – ein ummauertes Herrenhaus im Teochew-Stil, das sich von den gläsernen Wolkenkratzern und dem dichten Verkehr abhebt. Nach seiner Wiedereröffnung im vergangenen Oktober zieht Singapurs einziges erhaltenes traditionelles Teochew-Herrenhaus die Öffentlichkeit durch seine tiefe Verwurzelung in Handwerkskunst, reicher Geschichte und Wertschätzung für Traditionen in seinen Bann. Hier wird das Kulturerbe als lebendiger Organismus verstanden und nicht als bloßes, stilles Relikt.

Mehr lesen: Home Tour: Ein Apartment in Kuala Lumpur mit der Ästhetik von Wong Kar-Wai

Dieses nationale Denkmal der Löwenstadt wurde zwischen 1882 und 1885 von dem Teochew-Kaufmann Tan Yeok Nee erbaut und hat seitdem zahlreiche Epochen durchlebt. In den vergangenen 140 Jahren diente es als Familienresidenz, Waisenhaus für Mädchen, Hauptquartier der Heilsarmee, Universitätscampus und Apotheke für Traditionelle Chinesische Medizin. Die jüngste Restaurierung widerstand der Versuchung, das Gebäude auf eine bestimmte Epoche zu reduzieren. Anstatt sich auf einen vermeintlichen “Originalzustand” zu fixieren, zelebriert das Projekt die vielschichtigen historischen Ablagerungen des Anwesens. Es betrachtet die Geschichte als einen fließenden Prozess, der durch kontinuierliche Nutzung, Anpassung und sorgfältigen Denkmalschutz geprägt wurde.

 

Tatler Asia
Above Ein Blick in den prachtvollen Haupthof des historischen Herrenhauses.

Diese Philosophie leitete die einjährige Restaurierung durch das Architekturbüro DP Architects und den Denkmalpflegeexperten Yeo Kang Shua, außerordentlicher Professor an der Singapore University of Technology and Design, unter der Leitung der Karim Family Foundation, die das Anwesen seit 2022 besitzt. Mit dem Ziel der kulturellen Bewahrung und einer langfristigen Pflege unterstreicht das Projekt das Engagement der Stiftung, ein nationales Kulturerbe in eine Bereicherung für das gesellschaftliche Leben zu verwandeln. Jede Entscheidung basierte auf umfassenden Recherchen, Materialanalysen und historischen Dokumenten. Konnte das Team beispielsweise ein originales Stück Stoff erhalten, wurde es zur Erhöhung der Haltbarkeit sorgfältig behandelt. Bei stark beschädigten Elementen stützte sich die Rekonstruktion auf Fakten statt auf bloße Vermutungen. Das Hauptaugenmerk lag stets darauf, die architektonische Integrität und historische Authentizität zu wahren, anstatt lediglich eine makellose Oberfläche zu erschaffen.

Mehr lesen: Home Tour: Das inspirierende Zuhause und Atelier des Künstlers Do Hoang Tuong

Tatler Asia
Above Die Dachziegel sind mit exquisiten und filigranen Porzellanmosaiken verziert.

Die Handwerkskunst bildet das wahre Herzstück dieses Bauwerks. Das mit Porzellanmosaiken verzierte Ziegeldach, ein typisches Merkmal der traditionellen Teochew-Architektur, wurde mit äußerster Präzision bewahrt. Wandgemälde, die die chinesische Folklore sowie bedeutende Meilensteine im Leben von Tan Yeok Nee darstellen, erfuhren eine behutsame Restaurierung. Aufwendige Holzschnitzereien – von Balustraden über Phönix- und Pfingstrosenmotive bis hin zu drachenfischförmigen Balkenenden – wurden mithilfe traditioneller Techniken wiederhergestellt oder originalgetreu nachgebildet. Selbst die karpfenförmigen Regenwasserspeier blieben als funktionale Artefakte erhalten. Durch die Bewahrung dieser historischen Materialien rettet das Projekt gleichzeitig traditionelle Handwerkstechniken, die vom Aussterben bedroht sind, und bewahrt so das immaterielle Kulturerbe.

Tatler Asia
Above Die kunstvollen, mit 24-karätigem Gold verzierten Schnitzereien in der Haupthalle.

Das Projekt wird zudem durch ein solides akademisches Fundament gestützt. Diese Reise zur Erhaltung des Kulturerbes inspirierte das Buch “Honourable Mansion: The Invisible Hands Behind Singapore’s Last Teochew House”, verfasst von Yeo Kang Shua und herausgegeben vom singapurischen Komitee des International Council on Monuments and Sites. Weit mehr als nur eine Festschrift, dient die Publikation als fundiertes Forschungsdokument – sie betrachtet die Denkmalpflege als eine ernsthafte Verpflichtung, die eiserne Disziplin und ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein erfordert.

Tatler Asia
Above Traditionelle Fenstergitter, die neben dem Haupteingang sorgfältig restauriert wurden.
Tatler Asia
Above Eine detailreiche Karpfenstatue, die den Haupthof des Anwesens schmückt.
Tatler Asia
Above Der eindrucksvolle Eingang zum Pavillon nach der aufwendigen Restaurierung.

Auch die Wiedereröffnung des Herrenhauses wurde mit großer Sorgfalt geplant. Galerieräume, Bereiche für Artist-in-Residence-Programme und andere kulturelle Veranstaltungen integrieren das Gebäude wieder in das öffentliche Leben, ohne die architektonische Integrität zu beeinträchtigen. Hierbei fungiert die Philanthropie als Katalysator für die soziale Infrastruktur – durch die Investition von Zeit, Fachwissen und langfristigem Engagement, die eine ernsthafte Denkmalpflege unweigerlich erfordert.

In einer Metropole des ständigen Wandels bietet das House of Tan Yeok Nee ein beispielhaftes Modell: Administrative Verantwortung geht Hand in Hand mit akademischer Exzellenz, handwerklicher Tradition und eiserner Sorgfaltspflicht. Konservierung bedeutet hier nicht das Verweilen in der Vergangenheit, sondern das Erwecken der wahren Seele unseres Kulturerbes.

Credits

Images: Darren Soh

Topics