Der Mensch strebt stets danach, die Zukunft zu ergründen. Ob durch antike Weissagungen oder moderne Prognosemodelle, hinter den verschiedensten Methoden verbirgt sich dasselbe Ziel: Lässt sich das gesamte Leben berechnen, wenn man den Ausgangspunkt nur genau genug kennt?
(*) Extrapolation ist eine Methode, um Werte außerhalb eines bekannten Datenbereichs basierend auf bestehenden Trends vorherzusagen. In der Diskussion “Deterministische Mathematik und die Ungewissheit des Schicksals” (organisiert vom Wissensmagazin Tia Sáng) beginnt Professor Phan Thành Nam mit einer faszinierenden Analogie: Ein Horoskop ist im Grunde eine Form der Extrapolation. Die Geburtsstunde ist der Startpunkt (x=0), während das Leben wie eine Kurve wirkt, die man aus bekannten Daten lesen möchte. Doch von diesem Vergleich ausgehend, weitet sich die Frage aus: Wie viel vom künftigen Leben lässt sich wirklich aus dem Startpunkt bestimmen?
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verfolgte Pierre-Simon Laplace einen fast absoluten Glauben an die Vorhersagbarkeit. Gäbe es einen Intellekt, der Position und Impuls jedes Atoms im Universum kennen würde, wäre sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft berechenbar. Man nannte dieses hypothetische Wesen den “Laplaceschen Dämon”.
Dieser Traum ist bestechend: Die Gegenwart enthält die Zukunft, und es mangelt lediglich an Daten und Rechenkapazität. Das Leben scheint hier ein festes “Leben” zu sein, das sich mathematisch ableiten lässt.
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Above Professor Phan Thành Nam (links) während der Diskussion über das Leben und die Mathematik.
In der Analysis bietet die Taylor-Reihe eine elegante Version dieses Traums. Bei Funktionen wie Sinus oder Kosinus lässt sich die Kurve über weite Bereiche präzise rekonstruieren, wenn man Ableitungen an einem Punkt kennt. Phan Thành Nam scherzt, dass das Horoskop bei solchen Funktionen absolut korrekt wäre. Doch die Mathematik selbst zeigt auch die Grenzen dieser Extrapolation auf.
Manche Funktionen sind zwar glatt, aber ihre Taylor-Reihe kann sie nicht vollständig darstellen. Phan Thành Nam verweist auf das Beispiel (e^{-1/x^2}), bei dem alle Ableitungen an der Stelle (x=0) Null sind. Die Extrapolation würde annehmen, die Funktion sei immer Null, was jedoch sofort falsch ist, sobald man sich vom Startpunkt entfernt. Ein bekanntes “Leben” in der Vergangenheit umfasst daher nicht automatisch die gesamte Zukunft.
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Above Die mathematische Komplexität unseres Lebens ist eine Herausforderung für jede Form der Vorhersage.
Die Physik des 20. Jahrhunderts hat den Traum von Laplace weiter relativiert. Die Heisenbergsche Unschärferelation besagt, dass auf Quantenebene Position und Impuls nicht gleichzeitig beliebig genau bestimmbar sind. Dies markiert eine entscheidende Wende: Die Grenzen unserer Vorhersagen liegen nicht immer an mangelnden Daten, sondern sind inhärent.
Phan Thành Nam nutzt diese Einschränkungen nicht, um Vorhersagen zu verwerfen. Er betont ein subtileres Prinzip: Jedes Gesetz hat Gültigkeitsbedingungen und jede Extrapolation hat einen Konvergenzbereich. Ein Modell kann innerhalb seines Rahmens präzise sein, wird aber falsch, wenn man es zu weit von diesen Bedingungen entfernt.
Der Fehler liegt darin, Prognosen als Schicksal zu betrachten
Im Alltag geschieht diese Extrapolation oft unbewusst. Aktuelle Erfolge werden als Garant für das künftige Leben gesehen. Misserfolge werden als lebenslange Grenzen missverstanden. Vergangenheit wird zur Definition dessen, was noch vor uns liegt. Doch das eigene Leben ist möglicherweise keine glatte Kurve.
Phan Thành Nam schlägt ein anderes Bild vor: Bedeutende Phänomene erscheinen oft an Bruchstellen oder bei Phasenübergängen. Das Leben ist hier nicht anders. “Die lebenswertesten Momente” sind oft Wendepunkte, die sich im Voraus nicht extrapolieren ließen. Rückblickend wirkt das Leben linear, doch während man in der Zukunft steht, sind diese Wendepunkte selten klar.
Above Ein unerwarteter Wendepunkt im Leben kann die gesamte Laufbahn verändern.
Hier verliert die Ungewissheit ihren negativen Beigeschmack. Wären alle Wendepunkte aus dem Ausgangspunkt berechenbar, wäre das Leben nur das Ablaufen einer vorgefertigten Bahn. Phan Thành Nam unterscheidet zwischen zwei Haltungen: Resignation angesichts der Unwissenheit oder die Akzeptanz dieser Grenzen, um zu lernen und zu handeln. Die reife Haltung liegt im Letzteren.
Er vergleicht dies mit der mathematischen Induktion: Man muss nicht die gesamte Unendlichkeit auf einmal sehen; man geht von Schritt (n) zu (n+1). Das Leben lässt sich ebenso begreifen. Man muss nicht die gesamte Zukunft kennen, um heute verantwortungsvoll zu wählen.
Above Jede Entscheidung bildet den nächsten Schritt in unserem individuellen Lebensweg.
Freiheit bedeutet in diesem Sinne nicht, alles kontrollieren zu können, was passieren wird, sondern trotz begrenzter Erkenntnis Wahlmöglichkeiten wahrzunehmen. Vielleicht bewahren uns gerade die Grenzen der Extrapolation davor, unser Leben bereits als abgeschlossen zu betrachten. Das Leben bleibt damit offen genug, um die eigene Kurve immer wieder neu zu zeichnen.
Professor Phan Thành Nam forscht und lehrt an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Deutschland.
Seine Forschungsschwerpunkte sind Analysis und mathematische Physik, insbesondere die Vielteilchen-Quantenmechanik.
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Credits
Images: Chuyên trang tri thức Tia Sáng



