Für die 61. Biennale Venedig im Jahr 2026 wurde Li Yi-Fan ausgewählt, den Taiwan-Pavillon zu repräsentieren. Gemeinsam mit dem brasilianischen Kurator Raphael Fonseca verleiht er dem historischen Palazzo delle Prigioni eine tiefgreifende sensorische Dimension.
Die Internationale Kunstausstellung der Biennale Venedig gilt als eines der bedeutendsten Ereignisse der globalen zeitgenössischen Kunst. Alle zwei Jahre wählt das Taipei Fine Arts Museum durch ein zweistufiges Komitee Kunstschaffende aus, die den Taiwan-Pavillon repräsentieren. Diese zeichnen sich durch ein besonderes Gespür für den Zeitgeist sowie eine internationale Perspektive aus. Anschließend laden die ausgewählten Künstler gemeinsam mit dem Museum einen Kurator ein, um ein kollaboratives Team zu bilden.
Der Künstler Li Yi-Fan, der Taiwan repräsentieren wird, wurde bereits mit dem Golden Harvest Award 2024, dem Taishin Arts Award 2022 und dem Kaohsiung Award 2020 für seine einzigartigen, selbst entwickelten Werkzeuge und visuellen Kreationen ausgezeichnet. Für ihn sind Videospiele nicht nur ein Zeitvertreib, sondern eine Arbeits- und Überlebenssprache. Beim Spielen fokussiert er sich oft unbewusst auf die Schatten von 3D-Modellen, die gezackten Kanten von Objekten und die Details von Texturen. Das Auswahlkomitee schätzte seinen unverwechselbaren Stil, der zwischen Spiel-Engines, visuellen Objekten und virtuellen Szenen wandert. Sie sind überzeugt, dass Li Yi-Fan dem Taiwan-Pavillon vielschichtige Elemente verleihen wird. Seine Faszination für digitale Texturen veranlasste ihn dazu, Spiel-Engines als zentrales Werkzeug für seine Kunst zu wählen und so die Grenzen zwischen Videospiel, Theater und Videokunst verschmelzen zu lassen.
Die Expertise des brasilianischen Kurators Raphael Fonseca ist ebenso beeindruckend. Er ist nicht nur Abteilungsleiter am Denver Art Museum, sondern wurde auch zwei Jahre in Folge in die Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Kunstwelt von “ArtReview” aufgenommen. Damit zählt er zur absoluten Elite der internationalen Kunstszene. Fonsecas intuitive Art, verborgene Schätze zu entdecken, spiegelt sich faszinierend in seiner Astrologie wider: Obwohl er ein pragmatischer Steinbock ist, stehen sein Mond und Mars im Schützen. Diese freigeistige, reiselustige Natur ermöglicht es ihm, selbst bei komplexen Recherchen den scharfen Instinkt eines Jägers zu bewahren und stets neue Inspirationen aufzusaugen.

Above Let’s Duo It: Der Künstler Li Yi-Fan und der Kurator Raphael Fonseca im exklusiven Interview. (Foto: Yonn Lin)
Die Wege der beiden kreuzten sich erstmals zufällig im Jahr 2023. Zu jener Zeit recherchierte Fonseca für die Bienal do Mercosul in Brasilien. Als er die Teilnehmerliste der damaligen Taipei Biennale durchsah, klickte er auf Google beiläufig auf die Webseite mit den Werken von Li Yi-Fan. Was als routinemäßige Informationsbeschaffung begann, fesselte ihn augenblicklich durch den bizarren, von schwarzem Humor geprägten visuellen Stil auf dem Bildschirm. Fonseca durchforstete sämtliche Social-Media-Kanäle des Künstlers und schickte ihm schließlich eine E-Mail — der Beginn ihres länderübergreifenden Dialogs.
Fünf Minuten der Stille

Above Let’s Duo It: Der visionäre Künstler Li Yi-Fan im Gespräch über seine wegweisende Kunst. (Foto: Yonn Lin)
Obwohl Fonseca über einen immensen fachlichen Hintergrund verfügt, war ihr erstes Online-Treffen völlig frei von der typischen kuratorischen Autorität. Im Gespräch erinnerte er sich offen daran, dass Li Yi-Fan damals “zu Tode nervös” wirkte. Als er versuchte, seinen Bildschirm zu teilen, trat ein Fehler auf, der zu unangenehmen fünf Minuten der Stille führte, während Li Yi-Fan hektisch versuchte, die Fenster auf seinem Desktop zu verschieben.
Der Lebenslauf, den Fonseca daraufhin erhielt, hinterließ einen noch bleibenderen Eindruck. Es handelte sich nicht um ein elegantes PDF, wie es in der Kunstwelt üblich ist, sondern um ein schlicht formatiertes Word-Dokument mit spärlichen Links und einer eklatanten Lücke zwischen den Jahren 2014 und 2022. Genau dieses “verlorene Jahrzehnt” und seine unkonventionelle Art ließen diese Zusammenarbeit von Beginn an aus den starren Rahmen der traditionellen Kunstszene ausbrechen und entfachten eine einzigartige kreative Chemie zwischen den beiden.
Eine rasante Fahrt zum Flughafen und tiefe Verbundenheit

Above Let’s Duo It: Gemeinsame Visionen von Li Yi-Fan und dem Kurator Raphael Fonseca. (Foto: Yonn Lin)
Obwohl sie auf professioneller Ebene perfekt harmonierten, verliefen ihre realen Begegnungen nicht immer reibungslos — ein Umstand, der im Verkehrschaos von Venedig seinen Höhepunkt fand. Venedig verfügt über zwei Flughäfen. Ursprünglich planten sie, zu einem bestimmten Flughafen zu fahren, scheiterten jedoch am komplexen Busnetz und stiegen versehentlich in den Bus zum falschen Flughafen ein. Auf dieser Fahrt, die sie immer weiter von ihrem eigentlichen Ziel entfernte, übermannte Fonseca die Erschöpfung der vergangenen Tage, und er fiel in einen tiefen Schlaf.
Als sie ihren Fehler bemerkten, stiegen sie hastig aus und riefen ein Uber, womit ein dramatischer Wettlauf gegen die Zeit begann. Der Fahrer raste unermüdlich über die Autobahn, und wie durch ein Wunder erreichten sie ihren Flug im allerletzten Moment. Auch wenn Fonseca es kaum fassen konnte, dass Li Yi-Fan den Fehler während der gesamten Fahrt nicht bemerkt hatte, schweißte gerade dieses absurde Erlebnis von Orientierungslosigkeit und waghalsiger Rettung die beiden eng zusammen. Aus einer Partnerschaft, die sich zuvor hauptsächlich auf Bildschirme beschränkte, entstand eine tiefe, authentische Bindung.
Die Authentizität rauer Texturen
Diese außergewöhnliche Dynamik übertrug sich auch auf ihr gemeinsames Verständnis vom Wesen der Kunst. Fonseca brachte es auf den Punkt: Manche Kunstwerke wirken “belehrend” und versuchen dem Publikum vorzuschreiben, was es sehen soll. Die Werke von Li Yi-Fan hingegen gleichen eher einer “Verführung” — sie ziehen den Betrachter in ein digitales Ödland voller fehlerhafter Texturen und zerfallender Modelle.
Genau dieses Gefühl der Instabilität bildet den Kern der Ausstellung im Taiwan-Pavillon. Li Yi-Fan transformiert digitale Fragmente, die vom Mainstream als fehlerhaft oder gar “hässlich” abgetan werden — wie flackernde Schatten und raue Texturen in Spiel-Engines — in Kunstwerke mit enormer narrativer Kraft. Diese bewusst beibehaltene “digitale Unvollkommenheit” passt perfekt zu Fonsecas kuratorischem Instinkt, der stets nach dem Unangepassten und einer rohen, ursprünglichen Vitalität sucht.

Above Let’s Duo It: Kurator Raphael Fonseca und Künstler Li Yi-Fan bei der Ausstellungsplanung. (Foto: Yonn Lin)
Trotz ihrer grundverschiedenen Hintergründe — der eine ein global vernetzter Kurator, der andere ein Künstler, der sich in seinem Atelier tief in die Welt der Spiel-Engines zurückzieht — offenbarte gerade jenes schlichte Word-Dokument eine Reinheit, die sich dem System nicht beugen will. Beide zeigten im Gespräch ein enormes Maß an Verständnis füreinander. Sie beschlossen, sich von der statischen Betrachtungsweise traditioneller Videokunst zu lösen. Stattdessen überlegten sie, wie sie in den historischen Räumen des Palazzo delle Prigioni den Zusammenbruch und die Melancholie digitaler Bilder nutzen könnten. Das Ziel: Den Besuchern inmitten der architektonischen Schwere des Gebäudes die Einsamkeit und den Wahnsinn des modernen, hinter Bildschirmen gefangenen Menschen erfahrbar zu machen.
Ein sensorisches Labyrinth im historischen Gefängnis

Above Let’s Duo It: Der gefeierte Künstler Li Yi-Fan bringt seine digitalen Visionen nach Venedig. (Foto: Yonn Lin)
Das Ergebnis dieser bemerkenswerten Zusammenarbeit wird schließlich im Palazzo delle Prigioni in Venedig präsentiert. Der Palast in der Nähe des Markusplatzes diente einst als Gefängnis der Republik Venedig. Seine massiven Steinmauern und dunklen Korridore verströmen eine beklemmende historische Atmosphäre. Li Yi-Fan plant, die Ausstellungsräume in ein gewaltiges, immersives Erlebnis zu verwandeln. Wer diesen Raum betritt, fühlt sich, als würde er in eine kollabierende Spiel-Engine eintauchen — umgeben von flackernden Bildschirmen, entfremdeten humanoiden Figuren und bewusst belassenen Softwarefehlern.
Für Fonseca stellt allein die Präsentation von hochgradig digitalen Bildern in einem solch historischen Gebäude einen starken Kontrast dar. Das Duo hat nicht die Absicht, die Kälte der Architektur zu verbergen. Im Gegenteil: Sie nutzen die Enge der Gefängniszellen, um die Isolation des modernen Menschen zu spiegeln, der in Bildschirmen gefangen ist und sich in virtuellen sozialen Netzwerken verliert. Hier verschmelzen historische Gefängnismauern mit digitalen Fesseln. Die Besucher sind nicht länger nur Betrachter eines Videos, sondern befinden sich mitten in den von Li Yi-Fan erschaffenen Illusionen und spüren die kollektive Melancholie unseres zeitgenössischen Lebens.

Above Let’s Duo It: Die bemerkenswerte Synergie zwischen dem Künstler Li Yi-Fan und Raphael Fonseca. (Foto: Yonn Lin)
Mit ihrer Präsentation in Venedig werden diese bizarren, unvollkommenen, aber dennoch kraftvollen digitalen Fragmente die internationale Bühne im Sturm erobern. Vom Atelier in Taipeh bis zum historischen Gefängnis in Venedig — diese beiden Digital Natives trotzen der Mittelmäßigkeit auf ihre ganz eigene, unverwechselbare Weise. Wenn die Besucher den Palazzo delle Prigioni verlassen, nehmen sie nicht bloß Bewunderung für technologische Raffinesse mit. Vielmehr erleben sie an der Schnittstelle zwischen Bildschirm und Realität eine tiefe, aufrichtige Emotion, die durch keinen Algorithmus dieser Welt ersetzt werden kann!
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Credits
Production: Hou Chou
Interview: Ben Kuo
Words: Ben Kuo
Photography: Yonn Lin
Lighting: KUEI LI
Styling: Xiang Huang
Make-Up: Curry Tsai (backstage)
Hair: Andy
Outfit: Bally (Künstler Li Yi-Fan)
Outfit: Prada (Kurator Raphael Fonseca)




