Cover Der Gründer von Hsiang Han Design und Designer Hsiang-Han Hsu im Porträt (Foto: Yonn Lin)

Für Hsiang-Han Hsu ist Design keine isolierte Disziplin, sondern ein kontinuierlicher Entdeckungsprozess. Ob Möbel oder Skulpturen — seine Werke folgen einer beständigen Philosophie.

Hsiang-Han Hsu ist ein unabhängiger Schöpfer mit einem fundierten Hintergrund im Industriedesign und Gründer des renommierten “Hsiang Han Design” Studios. Sein Portfolio ist beeindruckend vielfältig: Von Möbeln, Leuchten und Wohnaccessoires bis hin zu Industrieprodukten, Baumaterialien sowie Skulpturen und Installationen. Ungeachtet der unterschiedlichen Dimensionen und Typologien kreisen seine Arbeiten stets um eine Kernfrage: Wie kann Design zwischen Form, Material und den Bedingungen der Realität einen Zustand schaffen, der nicht nur gefühlt und verstanden, sondern wahrhaftig gebraucht wird? Für Hsiang-Han Hsu ist Design niemals eine bloße Momentaufnahme, sondern ein fortlaufender Prozess des Denkens, Korrigierens und Akkumulierens über die Zeit hinweg.

Seit der Gründung seines Studios arbeitet Hsiang-Han Hsu kontinuierlich mit nationalen und internationalen Marken aus verschiedensten Branchen zusammen. Er begleitet Projekte von der ersten Konzeptentwicklung über Strategiediskussionen bis hin zur Fertigung und Markteinführung — stets überprüfend, wie Design in der realen Welt Bestand haben kann. Dabei zieht er keine starren Grenzen zwischen Design und Kunst. Vielmehr betrachtet er jede Kreation als eine Antwort: auf seine eigenen Werte, auf Industriestrukturen sowie auf die aktuelle Umgebung und den Zeitgeist. In seinem Schaffensprozess gehen Rationalität und Sensibilität Hand in Hand; das Entwerfen dient nicht nur der Problemlösung, sondern ist eine stetige Kalibrierung der Distanz zwischen dem Selbst und der Realität.

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Above Der Gründer von Hsiang Han Design und Designer Hsiang-Han Hsu im exklusiven Tatler-Interview (Foto: Yonn Lin)
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Above Hsiang-Han Hsu spricht über seine Designphilosophie und kreative Prozesse (Foto: Yonn Lin)

Kreativität jenseits von Kategorien

In der kreativen Logik von Hsiang-Han Hsu spielt “Klassifizierung” keine vorrangige Rolle. Ob Möbelstück, Leuchte, Skulptur oder Installation — für ihn sind dies lediglich Ergebnisse unterschiedlicher Maßstäbe und Bedingungen, keine Identitätsetiketten. Was wirklich zählt, ist der kreative Kontext und die Denkweise, die jedem Projekt zugrunde liegt. Unterschiedliche Markenstrategien, industrielle Hintergründe, Fertigungsbedingungen und Zielsetzungen führen naturgemäß zu verschiedenen Formen, doch die logische Linie, die sie verbindet, wird niemals unterbrochen. Die Unterschiede zwischen seinen Arbeiten dienen vielmehr als Beweis für seine kontinuierliche Weiterentwicklung. Für Hsiang-Han Hsu bedeutet Schöpfung nicht nur die Umsetzung einer Idee, sondern die Entscheidung, wie man angesichts realer Einschränkungen und Wahlmöglichkeiten voranschreitet.

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Above Der Designer Hsiang-Han Hsu in seinem Studio während des Interviews (Foto: Yonn Lin)

Das Prinzip von Punkt, Linie und Fläche

Hsiang-Han Hsu beschreibt seinen Schaffensprozess als einen Zustand, der sich schrittweise aus “Punkt, Linie und Fläche” formt. Jede Reise, jedes Gespräch, jedes neue Verständnis von Material und Prozess ist ein eigenständiger “Punkt”. Diese Punkte mögen im Augenblick noch keine klare Richtung weisen, doch im Laufe der Zeit verbinden sie sich zu einer nachvollziehbaren “Linie” und bilden schließlich eine vollständige, dreidimensionale “Fläche”. Was oft als plötzliche Inspiration erscheint, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis langfristigen, synchronen Denkens. Daher basiert seine Arbeit niemals auf bloßen intuitiven Impulsen, sondern auf der Integration umfangreicher Erfahrungen in Design, Handwerk, Fertigung, Materialkunde und Strategie. Jedes Werk ist eine bewusste Entscheidung im Hier und Jetzt und zugleich das Fundament für zukünftige Inspirationen.

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Above Hsiang-Han Hsu erklärt seine Philosophie von Punkt, Linie und Fläche im Design (Foto: Yonn Lin)
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Above Porträt des Designers Hsiang-Han Hsu bei der Arbeit (Foto: Yonn Lin)

Wertschöpfung vor Formgebung

Anstatt Design lediglich als Problemlösung zu betrachten, sieht Hsiang-Han Hsu darin einen Prozess der “Wertschöpfung”. Zu Beginn jeder Kooperation konzentriert er sich weniger auf Materialien oder Formen, sondern vielmehr darauf, ob ein gemeinsamer Konsens darüber besteht, “was geschaffen werden soll”. Wenn Werte und Ziele klar definiert sind, werden Probleme sichtbar und Lösungen entfalten sich natürlich. Diese Denkweise erlaubt es dem Design, nicht nur auf Bedürfnisse zu reagieren, sondern proaktiv Richtungen vorzugeben. Er investiert viel Zeit in den Dialog mit Marken, um Erwartungen und Grenzen zu verstehen und gemeinsam mit seinen Partnern Zukunftsvisionen zu entwerfen. Für ihn ist Design kein einseitiger Output, sondern ein kollaborativer Prozess, der hohes Vertrauen und gemeinsame Vorstellungskraft erfordert.

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Above Hsiang-Han Hsu diskutiert Designstrategien und Wertschöpfung (Foto: Yonn Lin)

Konsens innerhalb von Grenzen finden

Wenn Design in die Produktions- und Marktphase eintritt, sieht Hsiang-Han Hsu die größte Herausforderung darin, die ursprüngliche Intention trotz vielfältiger Einschränkungen zu bewahren. Zeitpläne, Budgets, Fertigungsbedingungen und Markterwartungen tauchen im Projektverlauf unweigerlich auf und erzwingen Entscheidungen. Er betrachtet diese Herausforderungen jedoch nicht als Schwächung der Kreativität, sondern als entscheidenden Test für die Reife eines Designs. Kompromisse sind für ihn keine Niederlagen, sondern präzise Urteile und Korrekturen. Man muss zu den ursprünglich definierten Werten zurückkehren, die Ressourcen prüfen und dann die klarste und passendste Entscheidung treffen. Aus diesem Grund legt er großen Wert auf partnerschaftliche Beziehungen zu Marken, die auf gemeinsamem Wachstum basieren. Nur durch Vertrauen und klare Ziele kann Design innerhalb seiner Grenzen vollständig bleiben, anstatt von den Umständen erodiert zu werden.

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Above Der Designer Hsiang-Han Hsu reflektiert über die Herausforderungen der Produktion (Foto: Yonn Lin)

Ein Rollenwechsel in Mailand

Im April dieses Jahres wird Hsiang-Han Hsu erneut auf der Bühne der Mailänder Designwoche stehen, doch diesmal mit einer neuen Bedeutung. In den vergangenen Jahren konzentrierte er sich als individueller Schöpfer darauf, durch seine Arbeiten Verbindungen zu internationalen Marken aufzubauen. Dieses Mal wählt er einen anderen Ansatz: Während er seine internationalen Kooperationen ausbaut, präsentiert er gemeinsam mit der taiwanesischen Marke Tenderflame eine neue Serie von Kamin-Designs. Damit bringt er “Taiwan Design” und “Made in Taiwan” erstmals als ganzheitliches Konzept auf das internationale Parkett. Mailand ist für ihn nicht nur ein Ausstellungsraum für Sichtbarkeit und Wettbewerb, sondern eine Bühne, auf der man seine Position klar beziehen muss. Design geht hier über bloße Ästhetik hinaus — es geht darum, einzigartige Werte zu schaffen und Teil globaler Trends und kultureller Kontexte zu werden.

Dieser Wandel entspringt einem in den letzten Jahren gewachsenen Verantwortungsbewusstsein. Die Ausstellung in Mailand ist für ihn kein Endpunkt, sondern der Startschuss für weitere geschäftliche und industrielle Entwicklungen. Von der Strategie bis zur langfristigen Marktpositionierung ist ihm klar geworden, dass Designer nicht nur bei der Kreation stehen bleiben dürfen. Sie müssen verstehen, wie Design über lange Zeiträume hinweg praktiziert und fortgeführt wird. Während seine Werke ausgestellt werden, richtet sich sein Blick bereits darauf, ob diese Präsentation ausreicht, um die nächsten Schritte der Zusammenarbeit und Expansion voranzutreiben. Für Hsiang-Han Hsu ist der April in Mailand eine Validierung und Herausforderung, seine persönliche Arbeit in einen Kontext größerer Verantwortung und Einflussnahme zu rücken.

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Above Hsiang-Han Hsu bereitet sich auf die Mailänder Designwoche vor (Foto: Yonn Lin)
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Above Hsiang-Han Hsu präsentiert seine Vision für taiwanesisches Design (Foto: Yonn Lin)

Vom Ausstellungsraum in die Zukunft

Trotz seiner zahlreichen internationalen Auftritte hat sich Hsiang-Han Hsus grundlegende Einstellung zur Arbeit nicht geändert. Er ist fest davon überzeugt, dass sich ein Schöpfer fokussiert und aufrichtig seinem Werk und sich selbst widmen muss — das Verständnis und die Resonanz der Welt folgen dann auf natürliche Weise. Wie bereits erwähnt, wird er im April auf der Mailänder Designwoche erstmals gemeinsam mit der taiwanesischen Marke Tenderflame eine neue Kamin-Kollektion vorstellen. Diese Zusammenarbeit markiert für ihn nicht nur einen Fortschritt auf Produktebene, sondern einen echten Rollenwechsel. Design ist nicht mehr nur persönliche Praxis, sondern der Versuch, taiwanesisches Design und Fertigung auf einer größeren Bühne zu platzieren. Eine Ausstellung ist für ihn niemals das Ziel, sondern ein Knotenpunkt zum Überprüfen, Korrigieren und Neustarten. Während seine Werke international Beachtung finden, sind seine Gedanken bereits beim nächsten Schritt. Auch in Zukunft wird er mit verschiedenen Bereichen zusammenarbeiten, um das von Hsiang-Han Hsu geschaffene Universum in den Bereichen Design, Baumaterialien und Kunst weiter zu verwirklichen.

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Ben Kuo
Digitalredakteur, Tatler Taiwan
Tatler Asia

ben.kuo@tatlerasia.com