Als neuer Leiter des Singapore International Festival of Arts für die kommenden drei Ausgaben setzt Chong Tze Chien mit seinem Motto “Let’s Play!” ein klares Zeichen für mehr Neugier, Experimentierfreude und die Erneuerung der Kunst im kulturellen Leben Singapurs.
Die Einladung besticht durch ihre entwaffnende Schlichtheit. “Let’s Play!”, verkündet Chong Tze Chien und setzt damit den Ton für sein erstes Singapore International Festival of Arts (SIFA) als Festivaldirektor. Auf den ersten Blick vermittelt der Satz den unbeschwerten Optimismus eines Rufs auf dem Spielplatz. Doch darunter verbirgt sich etwas weitaus Durchdachteres — eine Philosophie darüber, wie die Kunst in einer reifer gewordenen Gesellschaft leben, sich entwickeln und bedeutsam bleiben sollte.
Für Chong bedeutet Spiel jedoch keine Leichtfertigkeit. Es geht vielmehr um Struktur, Vorstellungskraft und Entdeckung. “Wenn man das Wort spielen eher als Verb und nicht nur als Substantiv versteht, bedeutet es eigentlich, an etwas teilzunehmen, das bestimmten Regeln und Paradigmen unterliegt”, erklärt er. “Man versucht, innerhalb dieses Spielablaufs eine gewisse Logik zu kreieren.”
Dieser Gedanke bildet das Fundament für die Festivalausgabe 2026, die vom 15. bis 30. Mai stattfindet und den Beginn von Chongs dreijähriger Amtszeit als Festivaldirektor markiert. Organisiert von der Arts House Group und im Auftrag des National Arts Council (NAC), fungiert die SIFA seit langem als Singapurs bedeutendstes Festival für darstellende Kunst — ein Raum, in dem internationale Werke auf lokale Vorstellungskraft treffen. Doch Chongs Vision lässt auf eine subtile Neuausrichtung in der Kunst schließen. Die Frage ist nicht mehr nur, was das Publikum sehen wird, sondern wie das Festival ein lebendiges Ökosystem kultivieren kann, in dem Kunstschaffende die Zeit, den Raum und die nötige Ermutigung zum Experimentieren finden.
Nur wenige Künstler treten dieses Amt mit einer so engen, persönlichen Verbindung zum Festival an wie Chong. Lange vor seiner Ernennung zog sich die SIFA bereits wie ein roter Faden durch seine Karriere. Er erlebte es zunächst als junger Zuschauer und später als Theatermacher, der Werke wie 100 Years in Waiting — gemeinsam verfasst mit dem verstorbenen Pionier, Dramatiker und Theaterregisseur Kuo Pao Kun für das Singapore Arts Festival 2001 (wie es damals hieß) — und Revelations, das 2003 mit dem Dramatiker Haresh Sharma entstand, beisteuerte. Kürzlich arbeitete er bei der SIFA 2024 für The Prose and the Passion erneut mit Sharma zusammen.
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Above “Strangely Familiar” von Singapurs renommierter T.H.E Dance Company präsentiert zeitgenössische Kunst (Foto: Arts House Group)
Diese Begegnungen haben sein Verständnis dafür geprägt, was das Festival bewirken kann. Anstatt einer Aneinanderreihung unzusammenhängender Aufführungen stellt er sich die SIFA als eine Erzählung vor — einen sich entfaltenden Dialog zwischen Künstlern, Publikum und der Zeit. Die Rolle des Festivaldirektors besteht seiner Ansicht nach nicht nur in der Beauftragung von Werken, sondern in der Gestaltung des größeren Bogens, der sie miteinander verbindet. “Wie erzählt man durch Kuration, nicht nur durch Kreation, weiterhin eine Geschichte?”, reflektiert er und beschreibt die Herausforderung, ein Programm zu orchestrieren, das kohärent wirkt und gleichzeitig Raum für Überraschungen lässt.
Das Leitmotiv der Ausgabe 2026, Legacy (Vermächtnis), bildet den Auftakt einer Ideen-Trilogie, die das Festival bis 2028 begleiten wird. Die diesjährige Ausgabe wird das Erbe künstlerischer Traditionen und die Pioniere, die Singapurs Kulturlandschaft geprägt haben, beleuchten. Im Jahr 2027, wenn die SIFA ihr 50-jähriges Jubiläum feiert, wird das Thema Roots (Wurzeln) die Aufmerksamkeit auf die Anfänge des Festivals lenken. Das abschließende Kapitel, Renaissance, richtet den Blick nach vorn und erforscht neue Ausdrucksformen sowie aufstrebende Stimmen, die die nächste Generation der künstlerischen Praxis definieren könnten. Zusammen bilden diese Themen eine Reflexion über Kontinuität: wie Künstler Erlerntes übernehmen, neu interpretieren und letztlich das transformieren, was vor ihnen war.

Above Chong erlebte die SIFA zunächst als junger Zuschauer und prägte die Kunst später selbst als Theatermacher (Foto: Arts House Group)
Eine Gemeinschaft für die Kunst
Dieses Gefühl der Kontinuität erstreckt sich auch auf eine der am meisten erwarteten Wiederbelebungen des Festivals — die Rückkehr des Festival Village. Dieser frei zugängliche Treffpunkt, der sich vom Empress Lawn bis hin zur Anderson Bridge erstreckt, weckt Erinnerungen an die lebhaften Zusammenkünfte unter freiem Himmel, die frühere Ausgaben des Singapore Arts Festival auszeichneten.
Für Chong hat die Entscheidung für diese Wiederbelebung ebenso viel mit der Atmosphäre wie mit dem Programm zu tun. “Es ist eine Gelegenheit für uns, eins mit den Elementen zu sein”, sagt er, “in jener abendlichen Zeit, in der wir gerne verweilen und auch ein wenig ins Schwitzen geraten, weil es einfach guttut.”
Seine Zuneigung zum Festival Village ist auch mit einer persönlichen Erinnerung verbunden. Als junger Praktikant beim NAC in den frühen Jahren des Festivals war Chong für praktische Belange wie mobile Toiletten für die Veranstaltung im Fort Canning zuständig. In der Hektik der Vorbereitungen vergaß er jedoch ein entscheidendes Detail: die Beleuchtung. Dieses Versehen löste in letzter Minute vor der Eröffnungsnacht hektische Betriebsamkeit aus, woraufhin die Kollegen zusammenarbeiteten, um das Problem rechtzeitig zu lösen.
Was ihm davon in Erinnerung blieb, war keine Peinlichkeit, sondern vielmehr Begeisterung — jene kollektive Energie, die entsteht, wenn man gemeinsam etwas verwirklicht. Er erinnert sich an die Menschenmengen, die warme Nachtluft und das Leuchten der Lichter unter freiem Himmel. Die Künste fühlten sich in diesem Moment weniger wie eine Institution an, sondern vielmehr wie ein gemeinsames Fest.
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Above Das Festivalprogramm für 2026 umfasst herausragende internationale Kunst- und Theaterproduktionen wie “Noli Timere” (Foto: Arts House Group)
Das Programm für 2026 strebt danach, genau diesen Geist einzufangen und seine Reichweite über die gesamte Stadt auszudehnen. Das Festival Village präsentiert Just Keep Swimming, Just Keep Swimming von The Theatre Practice, ein partizipatorisches Werk, das künstlerische Abstammungslinien und den generationenübergreifenden Dialog erforscht. Rupture von The Observatory entfaltet sich in der Morgendämmerung als Klanginstallation, während Makan Culture den Festival Market in einen interaktiven Aufführungsort verwandelt, der von Puppenspiel, Musik und Singapurs kulinarischer Fantasie geprägt ist.
Nach Einbruch der Dunkelheit kann das Publikum Automata im Rahmen der Serie Festival Late Nites erleben, während das Festival Play!Ground die Präsenz der SIFA bis in die Wohnviertel ausweitet. Im Nexus im Punggol Digital District entfaltet sich das Luftspektakel Noli Timere über der urbanen Landschaft. In den geschlossenen Räumen präsentiert die Festival Stage ein facettenreiches Programm — von internationalen Produktionen wie Lacrima, Hedda Gabler und Hamlet bis hin zur Heimkehr des in New York lebenden singapurischen Dramatikers Jeremy Tiang mit seinem Obie-Award-prämierten Stück Salesman 之死, der zweisprachigen Adaption (Mandarin und Englisch) von Arthur Millers Death of a Salesman. Werke aus der Heimat wie Strangely Familiar von der T.H.E Dance Company sowie Last Rites von Liu Xiaoyi (Emergency Stairs) spiegeln die kontinuierliche Förderung lokaler Stimmen wider. Hinzukommt Lush Life, eine dokumentarische Performance unter der Regie von Ong Keng Sen von T:>Works, die die Sängerin und Schauspielerin Jacintha Abisheganaden mit ihrem langjährigen Weggefährten und früheren Ehemann Dick Lee zusammenführt. Jüngeres Publikum wird derweil von The Lighthouse des australischen Patch Theatre in den Bann gezogen.

Above Die singapurische Sängerin und Schauspielerin Jacintha Abisheganaden in der eindrucksvollen Dokumentar-Performance “Lush Life” (Foto: Arts House Group)
Zeit für die Entstehung von Kunst
Für Chong definiert jedoch nicht nur das Programm allein das Vermächtnis eines Festivals. Ebenso entscheidend sind die Strukturen, die das künstlerische Schaffen aufrechterhalten. Eine seiner zentralen Initiativen ist ein zweijähriges Entwicklungsmodell für ausgewählte lokale Auftragsarbeiten. Die Kunstschaffenden können zunächst 2026 eine erste Version ihres Werks im Festival Village präsentieren, bevor sie das darauffolgende Jahr damit verbringen, ihre Ideen durch eingehende Recherche und Experimente zu verfeinern, um schließlich 2027 oder 2028 mit einer vollständig ausgereiften Produktion zum Festival zurückzukehren.
Dieser Ansatz spiegelt Chongs eigene Erfahrungen als Theatermacher wider. Einige seiner ehrgeizigsten Produktionen, darunter das bei der SIFA 2021 präsentierte Oiwa – The Ghost of Yotsuya, haben über mehrere Jahre hinweg Gestalt angenommen, was es den Ideen ermöglichte, zu reifen und an Tiefe zu gewinnen. Singapurs kreative Landschaft fordert im Gegensatz dazu oftmals schnelle Ergebnisse. “In Singapur arbeiten wir sprichwörtlich wie die Pferde”, bemerkt er. “Wir entwickeln fünf neue Werke in einem Jahr, was überaus unüblich ist.”
Er ist überzeugt, dass dieses enorme Tempo das Risiko birgt, die künstlerische Praxis auf eine von ihm so genannte “Mikrowellenkultur” zu reduzieren. Werke entstehen zwar rasch, doch mag es ihnen an der Tiefe mangeln, die nur durch ausdauernde Reflexion entsteht. Durch eine Entschleunigung des Prozesses kann die SIFA den Künstlern etwas Kostbareres bieten als reine Finanzierung oder Sichtbarkeit: Zeit. “Es ist wie das Reifen von Wein”, sagt Chong. “Er braucht einfach Zeit, um seinen wahren Charakter zu entfalten.”

Above Das Stück “The Lighthouse” des australischen Patch Theatre begeistert insbesondere jüngere Kunst- und Theaterliebhaber
Über die rein künstlerische Entwicklung hinaus macht sich Chong auch Gedanken darüber, wie das Festival ein breiteres Publikum erreichen kann. Für ihn beginnt dies damit, Barrierefreiheit nicht als nachträglichen Gedanken zu betrachten, sondern als zentralen Bestandteil des Festivalkonzepts. Er wünscht sich, dass das Festival als ein zentraler Begegnungsort fungiert, an dem sich unterschiedlichste Gemeinschaften durch die Kunst kennenlernen. Dabei hebt er insbesondere die inklusive Kunst hervor und betont, wie wichtig es ist, dass Künstler mit Behinderungen eine kreative Führungsrolle übernehmen, anstatt lediglich in bereits bestehende Strukturen eingebunden zu werden.
Trotz all der strategischen Überlegungen, die mit der Leitung eines solch bedeutenden Festivals einhergehen, bleibt Chong im Herzen unbestreitbar ein passionierter Theatermacher. Die Bühne übt nach wie vor eine besondere Anziehungskraft auf ihn aus. “Ich betrete einen Theaterraum stets mit dem Blick für seine unendlichen Möglichkeiten”, verrät er. “Wenn ich eine Bühne sehe, bin ich zutiefst fasziniert, weil sie wie eine unberührte Leinwand ist.”
Vielleicht ist genau das das stille Versprechen, das hinter “Let’s Play!” steht. Hinter diesem Satz verbirgt sich das tiefe Verständnis dafür, dass die Kunst nicht durch Gewissheit gedeiht, sondern durch Neugier — durch die uneingeschränkte Bereitschaft zu experimentieren und im Prozess etwas Unerwartetes zu entdecken. Es ist ein bescheidenes Bild für ein nationales Kunstfestival. Doch vielleicht ist gerade das der springende Punkt. Ein Festival ist nicht nur dann erfolgreich, wenn es glänzt, sondern wenn es zu einem Teil des Rhythmus einer Stadt wird — wenn das Spiel, in all seiner Ernsthaftigkeit, zur zweiten Natur wird.




