Kaum jemand beherrscht das Spiel mit der Distanz so meisterhaft wie die Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin für Literatur des Jahres 2026, Anne Carson.
Dies ist der unverkennbare Schreibstil von Anne Carson, sowohl in ihrer Lyrik als auch in ihrer akademischen Forschung. Gelegentlich verbindet sie beide Bereiche bewusst miteinander, um die enorme Distanz zwischen ihnen produktiv zu nutzen. Was sollte eine klassische Philologin wie sie mit der Geschichte des Geryon – jenem dreiköpfigen, rotbäuchigen Ungeheuer, das Hercules tötete, um seine Herde zu rauben – anfangen? Sie stellt die entscheidende Frage: Warum wurde das Opfer des Raubzugs als Monster wahrgenommen? Sie studierte den Dichter Stesichoros aus dem 6. Jahrhundert v. Chr., der die Geschichte aus der Sicht Geryons erzählte, den er als „schön wie eine Mohnblume“ beschrieb. Carson verfasste daraufhin eine moderne Autobiografie des Geryon: ein deformierter roter Junge, der mit Hercules eine tragische, beidseitig unverstandene homosexuelle Liebe erlebt. Schließlich erfand sie ein Interview mit Stesichoros, um ihr Buch abzurunden. Dieses humorvolle und hybride Werk trägt den Titel „Autobiography of Red” (1998).
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Above Anne Carson nutzt ihre literarische Brillanz, um die Distanz in der Kunst und der Literatur neu zu definieren.
Wo liegt die Grenze zwischen Monster und Mensch, wenn man sie aus der Perspektive des Monsters betrachtet? Welcher Abstand trennt das Verlangen nach Aneignung, wie bei Hercules, von der anziehenden Mohnblume, wie bei Geryon? Warum überqueren Menschen in ihren Beziehungen den Abgrund zwischen Liebe und Hass innerhalb einer Sekunde? Stesichoros liegt 2.600 Jahre zurück, und von seinem Gedicht sind nur noch Fragmente geblieben, in denen das Bild der Mohnblume aufleuchtet – diese Distanz zwischen den Epochen und die Lücken im Text eröffnen einen imaginären Raum. Das Schaffen von Anne Carson entsteht aus den Leerstellen in Stesichoros’ Werk. Sie selbst schafft dadurch neue Räume für die Fantasie der Leser, lädt zum Zweifeln ein, zum Vergleich verschiedener Perspektiven und zum eigenen Weiterschreiben. In Carsons Lyrik kehrt das Motiv des Windes immer wieder: Sie verwandelt ihre Fiktionen und die Kluft zwischen Poesie und Forschung in einen leeren Raum, durch den Gedankenströme wehen. Wie hat eine Autorin, die sich so akribisch mit Distanz auseinandersetzt, ihre eigenen Erfahrungen mit dem Abstand gesammelt?
Distanz und Form bei Anne Carson

Above Die poetische Welt von Anne Carson ist tiefgründig und lädt zur Reflexion über menschliche Distanzen ein.
Im Jahr 2004 erzählte Anne Carson in einem Interview mit „The Paris Review”, dass sie eine unstete Kindheit erlebte. Ihr Vater, ein Bankdirektor, wurde alle drei Jahre versetzt, was sie dazu zwang, ständig die Schule zu wechseln und sich von Freunden zu verabschieden. Eines Tages, als sie in einem Umzugswagen saß und ihrer besten Freundin zuwinkte, beschloss sie, keine Freundschaften mehr zu schließen. Auch wenn dieser Vorsatz nicht von Dauer war, blieb das Gefühl des bevorstehenden Abschieds tief in ihr verwurzelt. Hat diese Zurückhaltung, die nach jedem Abschied wuchs, sie sensibler für Distanzen gemacht? Hinzu kamen berufliche Gründe. Nachdem eine Lehrerin Anne Carson während der Mittagspause Griechisch beibrachte, weil sie ihr Talent erkannte, vertiefte sie ihr Studium der klassischen griechischen Literatur und wurde Forscherin und Dozentin. Ihr Studienobjekt lag zeitlich so fern wie die Freunde aus der alten Schule. Verehren wir die Menschen der Vergangenheit, weil die Distanz zwischen uns sie sakralisiert und zum Gefäß für unsere Fantasien macht? Ein Wissenschaftler muss sich dieser Abstände bewusst sein, um Illusionen zu vermeiden, und das Imaginieren den Dichtern überlassen. Als Dichterin und Wissenschaftlerin liebt Carson ihre Studienobjekte sowohl mit dem Herzen als auch mit dem Verstand. Wenn jedes Gedicht aus einer Leere entsteht und diese Poesie der Leere zu einem Klischee geworden ist, dann zeichnet sich Carson durch eines aus: Sie gehört zu den wenigen Dichtern, die aktiv die Techniken des Umgangs mit Distanz erforschen.

Above Anne Carson betrachtet die Welt durch eine Linse, die wissenschaftliche Akribie mit poetischer Freiheit vereint.
Im Jahr 1986 verwandelte Anne Carson ihre Dissertation in ihr erstes Buch mit dem Titel „Eros the Bittersweet”. Eros ist der griechische Gott der Liebe und der Begriff, den die Psychoanalyse für das Begehren verwendet. Durch die Untersuchung vieler altgriechischer Texte – von Mythologie und Epen über Lyrik, Drama und Philosophie bis hin zu Romanen – erforscht sie, wie Eros vorhanden ist und die antiken Werke beeinflusst, sowohl im Inhalt und der formalen Struktur als auch in der Beziehung zwischen Autor und Leser. Zunächst ist Eros „süß-bitter”, wie die Dichterin Sappho es ausdrückte: Liebe und Hass entstehen durch dieselbe mentale Kraft, weshalb man oft beides für dasselbe Objekt empfindet. Was die Liebe erschafft, ist die Distanz: Wir fühlen uns von Objekten angezogen, die eine Eigenschaft besitzen, die uns selbst fehlt. Je größer die Distanz zwischen uns und dem Objekt, desto leidenschaftlicher unsere Liebe oder unser Hass. Sowohl die Liebe als auch die Literatur sind voll von Kniffen, um den Abstand zum Objekt zu wahren, damit beide in den vielfältigen Variationen des Begehrens kreisen – in einem Tanz, der Bedeutungen, Fantasien, Erinnerungen und Erkenntnisse hervorbringt.
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Above In ihren Werken gelingt es Anne Carson, komplexe philosophische Themen in zugängliche Literatur zu verwandeln.
Wie geschieht dies in der Literatur? Eine kraftvolle poetische Metapher entsteht nur, wenn man zwei völlig unterschiedliche Dinge nebeneinanderstellt und den Leser zwingt, neue Bedeutungsschichten zu imaginieren, um die Lücke zwischen ihnen zu füllen – ohne sie jemals ganz schließen zu können. Ein guter Roman verführt den Leser durch Ereignisse, die das Begehren der Charaktere verzögern, die Charaktere zum Fühlen und Nachdenken zwingen und durch Empathie auch den Leser einbinden. Jede literarische Form ist also eine Methode zur Gestaltung von Distanzen, um das Begehren des Lesers während des Leseprozesses aufrechtzuerhalten und zu transformieren. Da die Leseerfahrung ähnliche Gefühle wie Nervosität, Zweifel, Trauer und Erschütterung hervorruft wie das Lieben, kann man den Autor als jemanden betrachten, der den Leser umwirbt – mit denselben Kniffen der Verzögerung, Verheimlichung und Überraschung, die Liebende anwenden.
Der Wind und die Flügel
Um in die poetische Welt von Anne Carson einzutauchen, muss man zwei Bilder verstehen, die sie wiederholt verwendet: Wind und Flügel. Der Wind bei Anne Carson ist der rote Wind aus dem Anfang von „Autobiography of Red”, der Wind des Eros – eine Kraft, die unaufhörlich durch die Leere aller Dinge weht und so die Bewegung des Lebens erzeugt. Carson erinnert uns an die „Musik des Himmels” aus dem Zhuangzi. Dieser Wind entsteht aus den spirituellen statt materiellen Abgründen und Distanzen, also aus qualitativen Unterschieden. Er weht durch die Kluft zwischen zwei Ufern, die im Leben unüberbrückbar sind, es sei denn, man bedient sich unsichtbarer Mittel wie Geschichten, Fantasie oder Liebe. Anne Carson zu lesen bedeutet, an den Rand eines Abgrunds zu treten und in eine Leere zu fallen, nur um vom Wind in einen anderen Geisteszustand getragen zu werden. In Interviews beschreibt sie ihr Schreiben oft als Spiel und betont gleichzeitig, dass sie Schlussfolgerungen und „Erleuchtungen” vermeiden möchte; sie versteht sich als Skeptikerin. Obwohl sie sagt, sie wolle Dinge schreiben, die über die Grenzen hinausgehen, ist Carson keine sture Erforscherin des Abgrunds. Sie strebt bewusst nach dem Unvollendeten, um weiterleben und lieben zu können. In diesem Punkt praktiziert sie genau die Theorie, die sie in „Eros the Bittersweet” aufgestellt hat.

Above Die metaphorischen Bilder bei Anne Carson, wie Wind und Flügel, machen ihre Werke einzigartig und kraftvoll.
Um ein typisches Beispiel für Carsons Methode zu finden, sollte man das Gedicht „Wildly Constant” aus dem Band „Float” (2016) lesen. Das Gedicht beschreibt eine windgepeitschte Küstenstadt, in der das lyrische Ich ein Leben führt, dessen Halbherzigkeit es unglücklicherweise erkennt. Sie geht jeden Morgen früh spazieren, ohne zu wissen, warum, und kann mit niemandem auf der Straße sprechen. Sie heiratet, um dem herkömmlichen „Einzel-Paarungs-Schema” zu entsprechen, hält es jedoch nicht aus, isoliert zu sein, und zieht in das Haus einer anderen Frau, um eine „Doppel-Paarung” zu leben. Um zu fliehen, zieht sie in eine Bibliothek, wo folgende wunderbare Zeilen entstehen:
Die Bibliothek enthält keine Bücher
sondern Gletscher.
Vertikale Gletscher.
Stille.
In perfekter Ordnung wie Bücher.
Aber sie sind geschmolzen.
Wie wäre es
in einer Bibliothek
geschmolzener Bücher zu leben.
Mit Sätzen, die über den Boden fließen
und all die Satzzeichen
die sich als Bodensatz absetzen.
Es wäre sehr verwirrend.
Unverzeihlich.
Ein großes Abenteuer.
Roni Horn sagte mir einmal
dass ein Antarktis-Forscher sagte
Ein Abenteuer zu haben
ist ein Zeichen von Unfähigkeit.
Was ist das Abenteuer, um den Unzulänglichkeiten des Lebens zu entfliehen? Ist es ein ewiges Treiben auf dem Meer der Worte ohne Ende? Lesen Sie weiter: „Wenn ich vor Wind nicht schlafen kann, gehe ich und stehe in der Bibliothek der Gletscher. Ich stehe in einer anderen Welt, nicht in der Vergangenheit, nicht in der Zukunft. Nicht im Paradies, nicht in der Realität, kein Traum. Eine andere Kraft, wild und rastlos.”
Dieses Abenteuer ist der Flug mit den roten Flügeln des Eros, um der Zeit zu entkommen und den ewigen Moment zu erreichen – an dem man durch die Götter lebt, also durch spirituelle Phänomene mit archetypischem Charakter. Diesen Gedanken schrieb Anne Carson im 31. Kapitel von „Eros the Bittersweet” nieder und offenbart ihren literarischen Zugang zu antiken griechischen Mythen. Die Bemühungen, über das „Ich” hinauszuwachsen – also das Netz von Begrenzungen, das feste Distanzen zwischen uns und der Welt schafft – wird sie im Essay des Bandes „Decreation” (2005) weiter erforschen, wo sie die „Ekstase”-Erfahrungen der drei Autorinnen Sappho, Marguerite Porete und Simone Weil untersucht. In ihrer klassischen Manier nutzte Carson das Schreiben, um die spirituellen Praktiken der griechischen und abrahamitischen Traditionen zu rekonstruieren, anstatt sie nur wissenschaftlich zu katalogisieren.

Above Anne Carsons analytischer Verstand und poetische Intuition verschmelzen in ihren Essays zu einem Gesamtkunstwerk.
Die „formalen Innovationen”, die die Modernität von Anne Carson ausmachen – wie das Mischen von Bild und Text, Klassik und Moderne, Poesie und Essay –, sind eigentlich nichts Neues im Vergleich zu alten Bewegungen wie Surrealismus und Dadaismus. Carson bestätigt dies: Sie sagt, sie stammten aus einer Übung, die sie in der Grundschule machte, bei der sie Bilder und Text in einem einzigen Werk kombinieren musste. Zudem basieren die klassischen Texte, die uns heute erreichen, ohnehin auf der Montage von Fragmenten alter Bücher, was nicht anders ist als die Schneide- und Collage-Spiele des Dadaismus. In den Augen einer Philologin der klassischen griechischen Literatur können antike Texte und moderne Collagen sehr ähnlich sein, und Carson hat dies auf humorvolle Weise immer wieder aufgezeigt.
Der Kern der Modernität von Anne Carson mag in ihren Reflexionen über Medien wie die Fotografie liegen. Schließlich ist die Fotografie das Hauptobjekt der Montagetechnik in Surrealismus und Dadaismus. In „Autobiography of Red” verwendet Geryon sowohl Fotos als auch Wörter, um seine Autobiografie zu schreiben, ähnlich wie die Surrealisten Breton oder Aragon. Fotografieren und Betrachten sind Operationen mit Distanz. Ein Foto nimmt ein Objekt auf und prägt gleichzeitig den Abstand zwischen Fotograf und Objekt durch Schärfe, Komposition, Winkel ein. Jedes Mal, wenn wir ein Bild betrachten, betrachten wir auch den zeitlichen Abstand zwischen dem Moment der Aufnahme und dem gegenwärtigen Augenblick. „Foto” ist die primäre Lebensweise von Geryon – ein schwacher, exzentrischer Mensch, der in der Außenwelt nicht wie Hercules triumphieren kann und daher hauptsächlich in seiner Innenwelt lebt. Was ist Erinnerung, wenn nicht das Nachbild der Welt, das in unserem Inneren zurückbleibt? Was ist Denken, wenn nicht ein Innenleben aus Bildern, die kontinuierlich zusammengeschnitten werden? Geryons Innenleben sammelt Distanzen zwischen ihm und der Welt an, die er mit Fotografie und Autobiografie verarbeiten muss.

Above Fotografie und Text sind bei Anne Carson untrennbare Werkzeuge zur Erforschung der menschlichen Seele.
Wenn man die Mechanik des Fotografierens und der Collage betrachtet, versteht man, dass die Flügel von Anne Carson künstlich sind und eher von intellektueller Arbeit abhängen als von flüchtigen Inspirationen.
Carson versteht ihre eigenen Grenzen genau. Sowohl in Interviews als auch in ihren Essays gesteht sie häufig Dinge ein, die sie nicht weiß oder nicht sicher beurteilen kann. Diese Haltung, die Sokrates nahesteht, ist in der heutigen akademischen Karriere oft hinderlich. Viele ihrer Gedichte sind um das Nichtwissen und die Ungewissheit herum aufgebaut. Am Ende des Gedichts „Wildly Constant”, das ich oben zitiert habe, kehrt die Hauptfigur in das Haus zurück, in dem drei Personen zusammenleben, damit ihr Mann ihr Eier brät. Sie nennt dies das perfekte Gericht, denn ein Ei ist in Form, Funktion, Nährwert und Geschmack perfekt. Am Ende des Tages tröstet sie sich mit einem kleinen Stück Perfektion in einer vorübergehenden Liebe auf Erden, fernab von Abenteuern, Bibliotheken und den ewigen Sphären der Götter.
Vielleicht ist auch die Poesie nur ein Ei.
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Übersetzerin Truong Thu Ha: Gombrowicz und der Anti-Form-Roman




