Als Leiter der 270 Jahre alten Glasmacher-Dynastie in elfter Generation reflektiert Maximilian Riedel über Design, Disziplin und die Herausforderung, eine Traditionsmarke durch den Wandel der Zeit zu führen.
Maximilian Riedel betritt die Hotellobby mit souveräner Gelassenheit. Er sieht exakt so aus wie auf seinen Presseporträts und verkörpert den modernen Hüter einer historischen Dynastie in jeder Hinsicht: tadellos gekleidet, äußerst aufmerksam und völlig unerschütterlich, obwohl er erst wenige Stunden zuvor gelandet ist. Er umgibt sich mit der Aura eines Mannes, der durch Disziplin, hohe Standards und beispiellose Führungsstärke definiert wird.
Das Gespräch beginnt passenderweise mit dem Objekt, das die Arbeit seiner Familie über Generationen hinweg geprägt hat: dem Glas. Für Riedel ist ein Weinglas nicht bloß ein Gefäß, sondern ein stummer Kommunikator, der die Wahrnehmung des Weins formt — vergleichbar mit einer Hi-Fi-Anlage, die feinste Nuancen hervorhebt. “Niemand trinkt aus der Flasche”, erklärt er, und damit einher geht eine umfassendere Philosophie: Jede Flasche verdient Respekt, unabhängig von ihrem Preis. Die Aufgabe des Glases ist es nicht, den Wein zu verändern, sondern ihn von seiner besten Seite zu präsentieren. Sein Designansatz, so erläutert er, basiert darauf, jedes Riedel-Glas exakt an die DNA der jeweiligen Rebsorte anzupassen, um deren Qualitäten vollends zur Geltung zu bringen.
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Above Ein beeindruckendes Porträt von CEO Maximilian J. Riedel (Foto: Instagram)
Er schreibt seinem Großvater, Claus Josef Riedel, die Pionierarbeit für das moderne Weinglas zu. Es war Claus Josef, der auf dekorative Schliffe verzichtete und stattdessen das Bauhaus-Prinzip ‘Form follows Function’ anwandte — wo weniger mehr ist und jedes Glas elegant, minimalistisch sowie zweckmäßig gestaltet wird. Sein Vater, Georg Riedel, setzte diese Evolution fort, vertiefte den Fokus auf rebsortenspezifisches Design und betonte, wie stark die Form die Wahrnehmung beeinflusst.
Was also zeichnet die Führung von Maximilian Riedel aus? An der Spitze eines Unternehmens, das in diesem Jahr sein 270-jähriges Bestehen feiert, ist er weder sentimental noch selbstgefällig. Wettbewerb, sagt er, habe es immer gegeben — und das sei auch gut so. Genau wie seine Vorgänger sich Rivalen wie Waterford, Baccarat, Steuben und Rosenthal stellen mussten, sieht er sich heute seinen eigenen Herausforderern gegenüber. Beständigkeit erfordert seiner Meinung nach höchste Wachsamkeit. Es ist ein Grund, noch härter zu arbeiten.
Er verweist auf Kollaborationen wie die Gläser für Coca-Cola und Nespresso als Teil einer mehrgleisigen Strategie, die sicherstellt, dass das Unternehmen auf mehreren Standbeinen ruht. Auch Nachhaltigkeit spielt eine zentrale Rolle. Sie ist weder ein modischer Nebengedanke noch Greenwashing, sondern eine industrielle Notwendigkeit. Als Beispiel nennt er Bleikristall: Obwohl es für seine Brillanz und seinen Klang geschätzt wurde, machten gesundheitliche Risiken es unhaltbar. Riedel war das erste Unternehmen, das sich davon verabschiedete. Heute tauchen neue Herausforderungen auf. Die Glasproduktion ist stark abhängig von Gas und Elektrizität, und aktuelle Engpässe sorgen für anhaltenden Druck. Er spricht darüber nicht voller Selbstmitleid, sondern betrachtet dies als die ungeschönte Realität, mit der Führungskräfte in jeder Epoche konfrontiert sind.

Above Zur Idee eines universellen Glases vertritt Maximilian J. Riedel eine klare Meinung: Es existiert schlichtweg nicht
Nachdem er vor drei Jahrzehnten in das Familienunternehmen eingetreten ist und 2013 die Rolle als CEO und Präsident übernommen hat, balanciert Maximilian geschickt zwischen Kontinuität und Entschlossenheit. Er spricht voller Zuneigung über das umfangreiche Produktsortiment des Unternehmens — rund 1.000 Artikelnummern — zögert jedoch nicht, Linien einzustellen, die vom Markt nicht mehr nachgefragt werden. Verliert eine Serie an Relevanz, wird sie konsequent aus dem Programm genommen. Solche Entscheidungen mögen wenig glamourös sein, doch sie definieren eine effektive Unternehmensführung.
Ebenso pragmatisch geht er mit der Kommunikation um. Messen und traditionelles Networking haben seiner Meinung nach nicht mehr das gleiche Gewicht wie früher. Er erinnert sich an seine Zeit in New York im Jahr 2007, als der Besitzer eines Spirituosengeschäfts in seiner Nachbarschaft ihn ermutigte, Facebook nicht als Spielerei, sondern als ernstzunehmendes kommerzielles Werkzeug zu betrachten. Dieser Besitzer war Gary Vaynerchuk, der später das Wine Library-Geschäft seiner Familie durch das Internet transformieren sollte. Diese Lektion hat er nie vergessen. Heute, mit über 600.000 Followern auf Instagram, weiß Riedel ganz genau, wie wichtig es ist, das Publikum dort abzuholen, wo es sich aufhält.
Dieser Instinkt für praktische Innovationen zeigt sich deutlich in der ‘O’-Serie, der stiellosen Kollektion von Riedel. Entworfen während seiner Zeit in einem kleinen New Yorker Apartment mit begrenztem Stauraum, besticht das Design durch Stapelbarkeit, Vielseitigkeit und herausragende Eleganz. Diese Kollektion hat sich seitdem zu einem weltweiten Erfolg entwickelt.
Was hält das Unternehmen an der Spitze? Riedel verweist auf vier Grundpfeiler: eine starke Distribution, effiziente Logistik, ein fähiges Vertriebsteam und hochmoderne E-Commerce-Plattformen. Diese Elemente, so betont er, bilden die unverzichtbare Infrastruktur für modernen Erfolg. Gleichzeitig hat das Unternehmen sein Modell erweitert. Während Wein nach wie vor im Mittelpunkt steht, erfordern veränderte Konsummuster ein hohes Maß an Agilität und Diversifikation.
Spricht man ihn auf die Idee eines universellen Glases an, äußert er sich unmissverständlich. Für ihn existiert ein solches Glas schlichtweg nicht. Er ist fest davon überzeugt, dass sich im direkten Vergleich ein sorgfältig durchdachtes Design immer durchsetzen wird. Wein richtig zu servieren, ist eine Frage des Respekts — sowohl gegenüber dem Wein als auch dem Genusserlebnis. Zwar hat eine solche Raffinesse ihren Preis, doch er weist darauf hin, dass es durchaus zugängliche Einstiegsmöglichkeiten gibt, und nennt als Beispiele die Serien Overture und Grape. Das Ziel ist nicht bloße Extravaganz, sondern sicherzustellen, dass herausragendes Design für jeden erreichbar bleibt.
Eine konstante Vorwärtsdynamik zeichnet ihn aus. Er erkennt Marktveränderungen frühzeitig, oft bevor sie sich vollständig etabliert haben. Dies zeigt sich auch in seinem neuesten Projekt: dem ‘All American Bourbon’-Glas. Es wurde speziell kreiert, um die Aromatik und das Geschmacksprofil dieser Spirituose hervorzuheben — von rauchiger Eiche über Vanille bis hin zu Karamell und Gewürzen — und repräsentiert damit eine völlig neue Richtung. Obwohl das Projekt durch die Pandemie verzögert wurde und nun zu einer Zeit auf den Markt kommt, in der braune Spirituosen weniger gefragt sind, bleibt er optimistisch. Menschen erzählen ihm oft, sagt er, dass erst Riedel-Gläser sie dazu gebracht haben, Wein wahrhaftig zu schätzen. Vielleicht, so seine Vermutung, könnte das Gleiche auch für Bourbon zutreffen.
Gegen Ende des Gesprächs wird deutlich, dass Riedel nicht allein durch sein Erbe definiert wird. Maximilian ist fest entschlossen, stets an der Spitze zu bleiben. Aktuelle Markteinführungen — darunter die ‘Bar Rituals’-Serie für Barkeeper sowie die Kollektionen Vitis und Riedel Bellorotondo — spiegeln diesen unermüdlichen Tatendrang wider. Mit seinen stolzen 270 Jahren bleibt das Unternehmen zukunftsorientiert und scheut keinen Wettbewerb. Das Erbe mag einem die Türen öffnen, doch es sind echte Führungsstärke und eine klare Vision, die dafür sorgen, dass man auch im Raum verweilt.
Credits
Images: Tan Chin Fan




