Die Nobelpreisträgerin Maria Ressa und die erfahrene Journalistin Karen Davila beleuchten die verborgenen Gefahren von AI, den hohen Preis des Schweigens und den Kampf für die Demokratie.
Wenn zwei bedeutende Säulen des philippinischen Journalismus aufeinandertreffen, rückt die Wahrheit in den Mittelpunkt. Die Nobelpreisträgerin Maria Ressa spricht gemeinsam mit der preisgekrönten Journalistin Karen Davila über die existenziellen Bedrohungen unserer heutigen Gesellschaft, die maßgeblich durch AI beeinflusst werden.
Sie thematisieren die stillen Gefahren der “kognitiven Kapitulation” im Zeitalter von AI, die Folgen politischer Einschüchterung und erklären, warum Schweigen ein Luxus ist, den wir uns nicht mehr leisten können. Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums von Tatler stellen diese erfahrenen Journalistinnen eine entscheidende Frage: Wie nutzen Sie Ihre Macht und den Einfluss von AI sinnvoll?
Sehen Sie sich das vollständige Gespräch auf unserem YouTube-Kanal an.
Above Maria Ressa und Karen Davila im Gespräch über AI und die Zukunft des Journalismus.
Journalismus im Zeitalter von AI
Karen Davila (KD): Maria Ressa! Es ist eine Weile her! Ich sehe dich ständig in den sozialen Medien, wo du täglich gegen die Auswirkungen von AI und Fehlinformationen kämpfst.
Maria Ressa (MR): Es ist die Zeit dafür. Aber du tust genau dasselbe, Karen.
KD: Was bereitet dir die größte Sorge im Zusammenhang mit AI?
MR: Die Technologie an sich. Die ständige Überwachung durch AI.
KD: Du warst der Zeit weit voraus. Als du meine Chefin bei ABS-CBN warst, steckte Facebook noch in den Kinderschuhen. Heute sagen alle: “Maria hatte recht!” Was genau beunruhigt dich so an AI?
MR: Jeder besitzt ein Smartphone. Wohin fließen unsere Daten? Wie werden wir durch AI manipuliert? Chatbots nutzen eine künstliche Intimität. In einer Zeit der Einsamkeit wenden sich Menschen Maschinen zu, was unser Menschsein gefährdet. Wir müssen vorsichtig sein.
KD: Ich beobachte, wie sich das menschliche Verhalten ändert. Höflichkeit und Empathie schwinden durch den exzessiven Einsatz von AI.
MR: Sie verschwinden nicht, sie werden auf Maschinen übertragen. Kinder neigen heute dazu, eher mit AI als mit echten Menschen zu interagieren.
KD: Da Maschinen heute einen Großteil unserer Recherchearbeit übernehmen, stellt sich die Frage: Verlernen wir zu denken?
MR: Das nenne ich, wie in meinem neuen Buch The Fight Back beschrieben: kognitive Kapitulation. Studien zeigen, dass Studenten sogar bei zwischenmenschlichen Problemen AI-Bots fragen. Wenn sie das tun, hören sie auf, selbst zu denken. Das ist ein gefährlicher Weg für die Menschheit. Wir müssen für unsere Empathie und unsere AI-kritische Haltung kämpfen.
KD: Was sollten wir auf den Philippinen angesichts der hohen AI-Adaption tun?
MR: Wir müssen uns auf unser persönliches Umfeld verlassen. Wir sind eines der Länder mit der höchsten Social-Media-Nutzung und einer schnellen Adaption von AI-Chatbots, was uns anfällig macht.
KD: Da die Philippinen eine demokratische Nation sind, stellt sich die Frage nach dem Preis der Freiheit. Viele haben während der Duterte-Zeit geschwiegen. Ist es nicht die Angst der Menschen, die die Demokratie schwächt, statt nur die Technologie?
MR: Es ist eine Kombination. Die Geschwindigkeit, mit der AI heute Informationen verbreitet, lässt der Zivilgesellschaft kaum Raum, angemessen zu reagieren.
Lesen Sie auch: Tatler Talks Rückblick: Lektionen von Nobelpreisträgerin Maria Ressa
Der Preis des offenen Wortes
KD: Viele Menschen haben ihre intellektuelle Integrität verloren, da AI ihnen die Denkarbeit abnimmt. Wir erziehen eine Generation von Filipinos, die kritische AI-Reflexion kaum noch beherrschen.
MR: Kognitive Kapitulation durch AI ist eine reale Bedrohung.
KD: Genau. Ich hoffe, dass kommende Generationen korrigieren, was wir zugelassen haben. Wir müssen den Wert von zivilem Engagement und echter menschlicher Interaktion wieder betonen.
MR: Zynismus tötet die Hoffnung. Aber Gleichgültigkeit ist der eigentliche Feind. Wenn wir uns nicht mehr für Demokratie und den verantwortungsvollen Umgang mit AI interessieren, verlieren wir alles.
KD: Was sollten wir heute konkret tun, da AI und diese neuen Verhaltensmuster bestehen bleiben?
MR: Wir brauchen multilaterale Lösungen. Kein Land allein kann AI regulieren, da die Technologie global agiert. Wir müssen unsere regionalen Bündnisse stärken und gemeinsam gegen den Missbrauch von AI in der Demokratie vorgehen.
Lesen Sie auch: Journalistin Karen Davila über die Bedeutung des digitalen Raums

Above Maria Ressa und Karen Davila diskutieren die Auswirkungen von AI auf den heutigen Journalismus.
Wahrheit in einer von AI geprägten Welt
KD: Hat AI den Zugang zu Informationen wirklich demokratisiert?
MR: Keineswegs. AI hat die Anreizstruktur öffentlicher Informationen auf Profit und Macht ausgelegt. Lügen verbreiten sich durch AI-Algorithmen wesentlich schneller als die Wahrheit.
KD: Wie können wir gegen die Gefahren von AI kämpfen?
MR: Erstens durch Regulierung. Zweitens durch Journalismus, der aufklärt, wie AI den Nutzer manipuliert. Wir müssen Technologieunternehmen so in die Pflicht nehmen wie Nachrichtenorganisationen. Journalismus ist das Korrektiv unserer Demokratie; wenn er stirbt, stirbt auch die Freiheit.
KD: Wie stellen wir sicher, dass Journalismus trotz AI überlebt?
MR: Wir müssen erkennen, dass das alte Geschäftsmodell tot ist. Journalismus braucht neue ethische Standards, die sich gegen die Manipulation durch AI behaupten können.
KD: Mut erfordert auch Selbstverantwortung. Ich stehe zu jedem Wort, das ich heute in meinem Format sage. Wie ist das bei dir?
MR: Der Nobelpreis hat mir geholfen, global zu kämpfen. Wenn ich nur lokal auf den Philippinen agiert hätte, wäre Rappler längst geschlossen worden. Unsere globalen Fürsprecher haben uns geholfen, die Front zu halten.
KD: Tatler feiert 25-jähriges Jubiläum. Auch dort hat sich die DNA weiterentwickelt.
MR: Wer Tatler liest, hat Macht und Privilegien. Die Frage ist: Was tun diese Menschen mit ihrem Einfluss im Zeitalter von AI? Wenn Sie dies lesen, vollbringen Sie eine mutige Tat für die Welt, von der Sie Ihren Enkeln erzählen können. Das ist die wahre Kraft, die Sie besitzen.
JETZT LESEN
Warum Nobelpreisträgerin Maria Ressa AI nur als Marketingbegriff sieht
Karen Davila über kontroverse Interviews und ihre journalistische Laufbahn
Maria Ressa über verantwortungsvollen Journalismus und den Einfluss von AI
Credits
Photography: Patrick Diokno
Production: Isabel Martel Francisco, Dowee Untivero, Johannah Reglos, Ysobel Zamora
Location: Shangri-La at The Fort, Manila





