Cover Eine Szene aus dem experimentellen “Film” Ritual in Transfigured Time (1946) mit einer Marmorstatue.

“Meine Filme mit anderen Filmformen zu vergleichen, ist wie der Vergleich von Poesie mit Prosa”, sagte Maya Deren, eine Pionierin, die dem experimentellen Kino eine neue Dimension verlieh.

 

Dieses Zitat von Maya Deren (1917–1961), der Begründerin des experimentellen US-Kinos, drängt sich unweigerlich auf, wenn man über die Poesie im “Film” nachdenkt.

Maya Deren, die aus einer intellektuellen Familie stammte, welche vor dem Antisemitismus in Europa in die USA geflohen war, besaß die fachliche Expertise, um über Poesie, den “Film” und multimediale Kunst gleichermaßen zu sprechen. Von ihrer Mutter wurde sie früh in Musik und Tanz unterrichtet; mit 21 Jahren erwarb sie ihren Master in Literaturwissenschaft mit einer Arbeit über den Einfluss der französischen symbolistischen Dichtung auf die englische Literatur. Sie arbeitete als Lektoratsassistentin und verfasste Gedichte und Erzählungen, bevor sie sich dem “Film” zuwandte. Es verwundert daher kaum, dass ihre Werke verschiedene Kunstdisziplinen integrieren. Betrachtet man ihre berühmtesten Arbeiten wie “Meshes of the Afternoon” (1943), “At Land” (1944) oder “Ritual in Transfigured Time” (1946), so zeigt sich, dass Tanz jede Bewegung der Schauspieler und der Kamera durchdringt. Die meisten ihrer Akteure, sie selbst eingeschlossen, waren professionell ausgebildete Tänzer. Als jemand, der aus der wissenschaftlichen Forschung kam, stützte sich Deren bei ihrer künstlerischen Arbeit auf Theorie statt bloßer Inspiration: In ihrem Essay “An Anagram of Ideas on Art Form and Film” (1946) betonte sie, dass eine der größten Stärken des Mediums “Film” in seiner Fähigkeit liegt, jede andere Kunstform in sich aufzunehmen.

Tatler Asia
Above Die visionäre Regisseurin Maya Deren im Porträt.

Doch wie kann ein “Film” poetisch sein, wenn Dichtung aus Wörtern und “Film” aus Bildern besteht? Um Derens Konzept eines “poetischen Kinos” zu verstehen, muss man den Kontext ihrer Aussage betrachten. Zu einer Zeit, in der die meisten Produktionen eine narrative Prosa-Struktur aufwiesen, bot sie etwas völlig Anderes. Damals waren fast alle Spielfilme stark vom Roman geprägt – entweder als Adaptionen oder durch Drehbücher von Schriftstellern. Auch Dokumentarfilme blieben in der Prosa verhaftet: Sie waren oft illustrierte Abhandlungen. Das poetische Kino hingegen organisiert Raum und Zeit eher wie ein Gedicht. Alle Werke von Maya Deren teilen dieses Merkmal.

Betrachten wir “Ritual in Transfigured Time” (1946) als Paradebeispiel. Wäre dieser “Film” ein erzählerisches Werk, müssten die Figuren Individuen sein, die in einem konkreten sozialen und geografischen Kontext leben, geprägt von einer linearen Zeit. Derens “Film” präsentiert jedoch Charaktere, Räume und eine Zeitlichkeit anderer Art: Drei Schicksalsgöttinnen tanzen mit einer griechischen Marmorstatue, mal in zeitlosen Tempeln und Wäldern, mal auf einem überfüllten Ball des 20. Jahrhunderts. Diese Inszenierung passt nicht zum klassischen Roman, ist aber ideal für ein Gedicht im Sinne des Symbolismus – einer Lyrik, die universelle Wahrheiten durch interagierende Symbole evoziert, statt durch die Geschichte eines Individuums.

Tatler Asia
Above Szenen aus Derens “Film”, in denen Tanztechniken die Kameraführung und Bewegung prägen.

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Der “Film” entfaltet sich genau so. Der erste Teil beschreibt drei Frauen in einem Salon, die wie griechische Schicksalsgöttinnen den Lebensfaden eines Menschen spinnen. Clotho, die Spinnerin, die sich ins Leben stürzt, wickelt den Faden unaufhörlich auf. Lachesis, die den Faden misst und über die Lebensdauer entscheidet, wirkt betäubt, unfähig ihrer richterlichen Aufgabe nachzukommen. Atropos, die Schicksalsgöttin des Todes, betrachtet dies mit Resignation. In einer Zeit, die den unendlichen Konsum feiert, verliert die Menschheit die Fähigkeit, das Leben tiefer zu erfassen. Die drei Göttinnen symbolisieren hier innere Zustände und den Zeitgeist, nicht Individuen mit Biografie. Damit ist der Ausdruck lyrisch, nicht episch oder dramatisch.

Während das Epos die objektive Welt und das Drama den inneren Konflikt beleuchtet, drückt die Lyrik subjektive Innenwelten durch Metaphern und Rhythmus aus. Während Epos und Drama die Zeit horizontal entfalten, dringt die Lyrik vertikal in den Moment ein, in dem die Intensität von Emotion und Gedanke ihren Höhepunkt erreicht. Diese Sichtweise der abendländischen Poetik deckt sich mit Derens Essay “Poetry and Film” (1953), wobei sie den Begriff “lyrisch” durch “poetisch” ersetzte. Sie merkte an, dass Poesie und Dramatik koexistieren können: So wie in Shakespeares Stücken die Handlung pausiert, damit ein Charakter in Versform seine innerste Befindlichkeit offenbaren kann.

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Wie funktionieren Metaphern und Rhythmus im poetischen “Film”? Im zweiten Teil von “Ritual in Transfigured Time” betritt Lachesis einen modernen Ball. Die Menschen tauschen ständig ihre Tanzpartner, ein Symbol für die Flüchtigkeit moderner Konsumkultur. Die Göttin möchte die Zeit anhalten, doch der Stillstand entlarvt nur die Lächerlichkeit des Treibens. Sie flieht in eine dritte Sequenz, in der die Göttinnen mit einer Statue in einem griechischen Tempel tanzen. Ist diese Statue der “Film” selbst – die Kunst, Zeit zu meißeln, geboren als Rettungsanker in einer Zeit, in der die Zeit ihre Bedeutung verliert? Wahrscheinlich, denn dieser “Film” ist ein Gedicht, in dem Deren selbst spricht. In der nächsten Szene wird die Statue gewalttätig und jagt Lachesis, in Anlehnung an den Mythos von Apollo und Daphne. Am Ende verwandelt sich Lachesis in Clotho und taucht unter: Um zu überleben, muss man aus den erstarrten Formen der Zeit ausbrechen.

Tatler Asia
Above Szene aus “Ritual in Transfigured Time”, in der die Göttin mit der Statue tanzt.

Das zentrale Bild dieses “Film”-Werkes ist der Schnitt: ein Schnitt durch das Leben, der Schnitt des Filmemachers, das Herausschneiden verkrusteter Formen. Dieser Schnitt ist der Kern der Metaphern. Auch der Rhythmus basiert darauf: Durch den Filmschnitt erzeugt Deren die Magie der Zeitdehnung. Das ist nicht nur technischer Natur, sondern psychologisch: Wenn wir träumen oder uns erinnern, dehnt sich die Zeit, und in der ästhetischen Erfahrung verschwindet sie vollends. Ohne die lyrische Form hätte Deren ihre tiefgreifenden Einsichten über Zeit, Kunst und Dasein in diesem 14-minütigen “Film” nicht so komprimiert ausdrücken können.

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