Satoshi Kuwatas in Mailand ansässiges Label Setchu verwandelt Kleidung in eine Erkundung von Bewegung, Instinkt und körperbewusstem Design
Für Satoshi Kuwata beginnt Mode nicht mit einer Silhouette, sondern mit Instinkt.
In seinem Mailänder Atelier, wo er sein geschlechtsneutrales Label Setchu entwirft, faltet Kuwata oft ein Stück Papier zwischen seinen Fingern und beobachtet, wie Licht und Schatten entlang der Falten spielen. Diese Geste ist bewusst gewählt sowie taktil und verkörpert alles, wofür die Marke steht: ein Design, das auf Instinkt, Bewegung und einem nuancierten Dialog zwischen den Kulturen beruht.
Der japanische Designer baut seine Arbeit auf einem einfachen, geradezu elementaren Prinzip auf: Kleidung sollte sich mit dem Körper bewegen und nicht gegen ihn. “Einige Designer verwenden Handnähte als reine Dekoration”, erklärt er, “aber wir nutzen sie für die Funktionalität. Wir räumen der Bewegung oberste Priorität ein, was nur wenige beherrschen. Es ist eine wahrlich klassische Herangehensweise.” Für ihn erfüllt jede Naht, jede Falte und jeder Verschluss einen bestimmten Zweck. Bei Setchu lädt jedes Kleidungsstück zur aktiven Teilhabe ein.
Genau diese Philosophie erweckte die Origami-Jacke zum Leben — jenes Meisterwerk, das ihm den renommierten LVMH Prize for Young Fashion Designers einbrachte. Diese Auszeichnung zählt zu den bedeutendsten der modernen Modewelt. Er setzte sich gegen mehr als 2.400 Bewerber aus 15 Ländern durch und sicherte sich das Preisgeld von 400.000 € sowie ein einjähriges Mentoring durch LVMH-Experten. Auf die Frage, welches seiner Stücke seine Persönlichkeit am stärksten widerspiegelt, antwortete er: “Ich denke, es ist die Origami-Jacke. Sie hat mir den LVMH-Preis eingebracht.” Wie die Papierform, auf die sie anspielt, lässt sich die Jacke falten, verschieben und transformieren.

Above Der visionäre Designer Satoshi Kuwata (Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Univers)
Als er Setchu im Jahr 2020 gründete, signalisierte bereits der Name die Mission der Marke. Abgeleitet vom japanischen Begriff Wayo Setchu, der eine Begegnung oder einen Kompromiss zwischen Japan und dem Westen beschreibt, steht er für ein Design an der Schnittstelle von Kulturen und Geschichten. “Kyoto lehrte mich tiefen Respekt für Stille, Einfachheit und Rituale”, verrät er. “London brachte mir das Experimentieren bei.”
Setchu ist ein Produkt seiner Erfahrungen, aber auch von Kuwatas persönlichem Wunsch, Gegensätze in Einklang zu bringen: Nutzwert und Experimentierfreude, Disziplin und Spontanität. Hemden lassen sich per Reißverschluss öffnen, um sie frei um den Körper zu wickeln. Denim-Hosen sind so voluminös geschnitten, dass sie als Röcke dienen können. Safari-Jacken verbergen Griffe in ihren Kragen und verwandeln sich in elegante Tragetaschen. Sogar Kleidersäcke avancieren zu spontanen Kleidern. Jedes Stück ist so konzipiert, dass es auf vielfältige Weise getragen werden kann — gleichermaßen geformt von Instinkt wie von Schnittmustern.
Dieser Ansatz vertiefte sich in seiner Frühjahr/Sommer-Kollektion 2026, die durch eine Reise zu den Victoriafällen in Simbabwe und eine Zusammenarbeit mit LVMH Métiers d’Art inspiriert wurde. Kuwata arbeitete mit lokalen Gemeinschaften zusammen, die von der Jafuta Foundation und Batoka Creatives unterstützt werden. Dabei kreierte er gewebte Palmstücke und beobachtete alltägliche Kleidungsgewohnheiten. Ihn faszinierte, was er als “eine besondere Art des Umgangs mit Kleidungsstücken” beschreibt, “die Formen und Größen außer Acht lässt und sich stattdessen auf die ursprüngliche Geste des Formens und Wickelns um den Körper verlässt.” In dieser Geste erkannte er eine Reflexion des japanischen modischen Erbes: die zeitlose Logik des Drapierens und die Intelligenz einer von Hand geformten Silhouette.
Die Kollektion für Frühjahr/Sommer 2026 spiegelt diese Sensibilität wider. Eine Farbpalette aus Himmelblau, Erdbraun und Regenbogen-Tartan erinnert an die nebligen Wasserfälle, während die Kleidungsstücke Transparenz und Fließfähigkeit erforschen. Boxshorts und Sport-BHs reihen sich neben militärisch inspirierten Pullovern, Hakama-Hosen und schmal geschnittenen Blazern mit spitzem Revers ein. Geschlechtsspezifische Grenzen verschwimmen — nicht durch laute Statements, sondern durch meisterhafte Konstruktion. Kleidung, so Kuwatas Botschaft, sollte nicht vorschreiben, sondern inspirieren.
Weitere spannende Einblicke: Das Debüt von Setchu auf der Mailänder Herrenmodewoche

Above Ein herausragender Look aus der Setchu Frühjahr/Sommer-Kollektion 2026 (Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Univers)

Above Die preisgekrönte LVMH-Jacke von Satoshi Kuwata aus dem Jahr 2023 (Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Univers)

Above Designer Satoshi Kuwata präsentiert seine meisterhaften Kreationen für die neue Saison (Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Univers)
Diese Feinsinnigkeit erstreckt sich auch auf seine Düfte, die in enger Zusammenarbeit mit der Meisterparfümeurin Julie Massé vom renommierten französischen Dufthaus Mane entstanden sind. Sie repräsentieren eine Verschmelzung japanischer Tradition mit westlicher Parfümeriekunst. “Wie gut ein Produkt wird, hängt in der Regel davon ab, wie gut die Beziehung zur ‘Nase’ ist”, erläutert er. Yuzu, ein Duft, den er morgens trägt, ist bewusst zurückhaltend konzipiert. Tatami, den er für den Abend wählt, beschreibt er mit einem schelmischen Lächeln als “wirklich sexuell … inspiriert von Sex auf Tatami-Matten”. Die Düfte sind stark von persönlichen Hygieneritualen, der japanischen Badekultur und für Kuwata von Erinnerungen an das Angeln in Japan inspiriert. Jeder Flakon ist handgefertigt und einem traditionellen japanischen Teekästchen nachempfunden. Jedes Exemplar ist ein Unikat — ein taktiles, intimes Objekt, das wie ein Kleidungsstück konzipiert wurde.
Auf Einladung von Univers brachte Kuwata Setchu kürzlich für sein Südostasien-Debüt nach Manila. Die Einführung präsentierte sowohl seine Kleidung als auch die neue Duftlinie und bot dem lokalen Publikum ein umfassendes, sinnliches Erlebnis der Marke. Während des Besuchs schlenderte er durch Intramuros und Casa Manila, um die vielfältigen Schichten und Details der Stadt aufzusaugen. Auf die Frage, wie er Manila als Duft beschreiben würde, dachte er sofort an Calamansi — jene scharfe Zitrusfrucht, die in der lokalen Küche allgegenwärtig ist. “Damit möchte ich etwas kreieren”, verrät er, halb im Scherz, halb ernst gemeint. Für Kuwata sind Beobachtung, Neugier und sensorische Erfahrungen untrennbar mit dem Design verbunden.
Über Kontinente und Disziplinen hinweg zeichnet sich ein klares Muster ab. Kuwata entwirft nicht für die bloße Zurschaustellung, sondern für den Austausch zwischen Kulturen und Handwerkstraditionen, zwischen Stoff und Körper. Viele Kleidungsstücke sind mit QR-Codes versehen, die zu Anleitungen für verschiedene Tragevarianten führen. Sie sind äußerst praktisch, besitzen aber zugleich eine hohe Symbolkraft: Design ist ohne Interaktion unvollständig.
Die Expansion von Setchu in Manila und die Einführung von Setchu Parfums zeigen diese Philosophie in der Praxis. Ob durch eine Jacke, die sich falten und verwandeln lässt, oder einen Duft, der sich im Laufe des Tages verändert — Kuwata wünscht sich lediglich, dass der Träger aufmerksam ist, sich einbringt und das Design wahrhaftig bewohnt. Schließlich tauchen Regenbögen, das saisonale Markenzeichen der Frühjahr/Sommer-Kollektion 2026, auf und lösen sich wieder auf. Sie erinnern uns daran, dass die Schönheit des Designs oft in seiner Vergänglichkeit liegt und in dem Freiraum, den es für individuelle Erfahrungen schafft.




