Die Gründerin von Alterpacks, Karen Cheah, verwandelt landwirtschaftliche Abfälle in Pflanzenfasermaterialien, um Plastik in alltäglichen Produkten zu ersetzen.
Karen Cheah gründete Alterpacks weder in einer Fabrikhalle noch in einem hochmodernen Labor. Stattdessen begann die Gründerin und CEO des in Singapur ansässigen Start-ups in einem kleinen Zimmer im Haus ihrer Mutter. Sie verwandelte es in ein provisorisches Labor, in dem sie experimentierte, landwirtschaftliche Abfälle in nutzbares Material umzuwandeln. Sie fuhr zu den Lebensmittelproduktionsstätten in Tuas, um Okara — den bei der Tofu-Produktion anfallenden Sojabohnenbrei — zu sammeln, und verbrachte dann Tage damit, Kombinationen aus Fasern und Bindemitteln zu testen, um der hartnäckigen Rohmasse etwas Stabiles zu entlocken.
Der Prozess erwies sich als weitaus schwieriger als erwartet. “Wenn man mit natürlichen Materialien arbeitet, verhalten sie sich nicht immer so, wie man es sich wünscht”, sagt Cheah. “Die Natur folgt ihren eigenen Regeln.” Monatelang fungierte der Raum als unwahrscheinliche Geburtsstätte einer noch unbewiesenen Idee: dass Abfall in ein neues Material verwandelt werden könnte.
Die Idee für Alterpacks nahm erstmals Gestalt an, als Cheah ihren Master of Science in Innovation an der Singapore Management University absolvierte. Als Teil des Programms wurden die Studenten herausgefordert, ein fiktives Start-up zu entwickeln, das ein globales Problem adressiert. Auf ihren Reisen bemerkte sie überall das gleiche Problem: Abfall, der sich im öffentlichen Raum ansammelte — von den Straßen Bangkoks bis nach Amsterdam, wo ein Streik der Müllabfuhr dazu geführt hatte, dass sich der Müll in der ganzen Stadt türmte.
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Above Karen Cheah, die visionäre Gründerin und CEO von Alterpacks. Foto: Centre For Impact Investing And Practices
“Es brachte mich dazu, darüber nachzudenken, wie wir Abfall definieren”, erinnert sich Cheah, die zuvor in der Medienbranche arbeitete, bevor sie sich der Materialinnovation zuwandte. “Warum betrachten wir Mülldeponien nicht als Recyclingzentren, in die Abfall hineingeht und ein neues Material herauskommt?” Diese Frage wurde zum Ausgangspunkt für Alterpacks, ein Unternehmen, das sie im Jahr 2019 ins Leben rief.
Der Durchbruch gelang, als Cheah begann, über Okara hinauszuschauen und sich landwirtschaftlichen Nebenprodukten zuzuwenden, die zuverlässiger in großem Maßstab verarbeitet werden konnten. Alterpacks wechselte schließlich zu Weizenrückständen, die zu einem firmeneigenen Pflanzenfaserzusatz verarbeitet werden, den Hersteller in geformte Produkte integrieren können.
Aus diesem Material entstanden die ersten kommerziellen Produkte des Unternehmens: Lebensmittelverpackungen für Take-away. Heute arbeitet das Unternehmen mit Produktionspartnern zusammen, um Lebensmittelverpackungen herzustellen, die von Hotels wie dem Como Metropolitan Singapore und dem Grand Hyatt Singapore sowie von Restaurants wie dem Culina at Como Dempsey verwendet werden. Die kompostierbaren Behälter halten extremen Temperaturen stand — vom Gefrierschrank über die Mikrowelle bis hin zum Ofen — und das ganz ohne die Kunststoffbeschichtungen, die normalerweise für Faserverpackungen erforderlich sind. Sie bestehen vollständig aus recycelten Pflanzenfasern und landwirtschaftlichen Abfällen, wobei Lebenszyklusanalysen deutlich geringere CO2-Emissionen als bei herkömmlichem Plastik aufzeigen.
Dennoch betont Cheah, dass das Ziel nie nur darin bestand, Lebensmittelverpackungen herzustellen. “Die Leute denken, wir seien ein Unternehmen für Lebensmittelbehälter, aber diese Behältnisse waren lediglich ein Machbarkeitsnachweis”, erklärt sie. “Wir brauchten etwas Handfestes, um es Herstellern und Investoren zu präsentieren. Was wir hier wirklich aufbauen, ist ein Materialunternehmen.” Frühe Unterstützung von Organisationen wie der Temasek Foundation half Alterpacks, über die anfänglichen Laborexperimente hinaus in die Fertigung einzusteigen. Später markierte ein Zuschuss der DBS Foundation das, was Cheah als “tiefgreifenden Wandel” beschreibt, und ermöglichte es dem Unternehmen, in neue Anwendungsbereiche jenseits von Lebensmittelbehältern zu expandieren.
Alterpacks begann die Zusammenarbeit mit dem Lebensmittelvertrieb Freshmart, um Plastikschalen zu ersetzen. Was als kleiner Versuch zur Verpackung koreanischer Paprika begann, wurde bald auf Bio-Äpfel ausgeweitet, wobei bis heute mehr als 100.000 Schalen produziert wurden. Das Projekt bewies, dass das Material den für frische Produkte erforderlichen Kühlkettenbedingungen standhalten kann und gleichzeitig robust genug bleibt, damit Kunden ihre Einkäufe sicher nach Hause tragen können.
Das Unternehmen beginnt nun auch, über die Grenzen Singapurs hinaus zu expandieren. Vertriebspartner sind bereits in Märkten wie Australien, Thailand und Malaysia etabliert, während Pläne zur Erschließung Europas durch einen Förderantrag bei Enterprise Singapore laufen.
Above Karen Cheah hält einen inspirierenden Vortrag auf dem Innovation for Cool Earth Forum
Im Gesundheitswesen erprobt das Unternehmen gemeinsam mit dem Tan Tock Seng Hospital einen neu gestalteten medizinischen Becher. Dabei werden Einweg-Plastikbecher durch eine Pflanzenfaseralternative ersetzt, die so konzipiert ist, dass Pflegekräfte die Medikamente der Patienten besser sehen können. Gleichzeitig bietet das Design einen verbesserten Griff für arthritische Finger und verhindert ein Umkippen der Becher. Das Material wurde auch in anderen klinischen Produkten getestet, darunter Nierenschalen, die als Alternativen zu den in Krankenhäusern verwendeten Einweg-Plastikversionen entwickelt wurden.
Dennoch war es nicht einfach, solche Innovationen in eine breite Anwendung zu überführen. Ein Materialunternehmen von Grund auf aufzubauen, erforderte weitaus mehr als nur technische Experimente. Cheah musste lernen, sich in Fertigungsökosystemen zurechtzufinden, Finanzierungen zu sichern und Unternehmen davon zu überzeugen, ein unbekanntes Produkt in Branchen zu testen, in denen Zuverlässigkeit und Kosten an erster Stelle stehen.
“Man unterbricht ein System, an das die Menschen gewöhnt sind”, sagt sie. “Wir hatten nicht den 100-jährigen Vorsprung, den fossile Brennstoffe hatten.”
Above Karen Cheah präsentiert stolz die aktuelle und vielfältige Produktpalette von Alterpacks
Solche Erfahrungen haben auch Cheahs Führungsstil geprägt. In den ersten Jahren, so erinnert sie sich, brachte fast jeder Tag eine neue Herausforderung mit sich, die das Unternehmen aus der Bahn zu werfen drohte. “Ich habe gelernt, dass auch das vorübergehen wird”, sagt sie. “Jeder Tag fühlte sich wie eine Übung zur Problemlösung an. Rückblickend hätte ich mir mehr Zeit nehmen sollen, um innezuhalten und durchzuatmen.”
Sie lernte auch, wann man Gelegenheiten ablehnen muss. “Als Start-up gibt es diese FOMO — die Angst, etwas zu verpassen — weil man einen potenziellen Vertriebspartner oder Kunden nicht enttäuschen möchte.” Aber jede Anfrage mit Ja zu beantworten, erkannte sie, könnte weitaus kostspieliger sein, als auch einmal Widerstand zu leisten. “Haben Sie es nicht zu eilig, Ja zu sagen oder sich zu verbiegen. Seien Sie bereit, Nein zu sagen und den Konsequenzen dieses Neins ins Auge zu sehen.”
Gleichzeitig bleibt Beharrlichkeit unerlässlich. “Man muss viele Frösche küssen, um einen Prinzen zu bekommen”, sagt sie. “Aber wenn man den Mund nicht aufmacht, um zu fragen, steht man wieder ganz am Anfang.”
Für Cheah ist die Vision letztendlich größer als jedes einzelne Produkt. “Was wir wollen, ist, dass die Leute aufhören zu fragen, ob etwas aus Plastik oder Papier ist, und stattdessen anfangen zu fragen: Ist es aus dem Material von Alterpacks gemacht?”
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