Timothée Chalamets Darstellung des Tischtennis spielenden Titelhelden in dem oscarnominierten Film “Marty Supreme” — teils Genie, teils selbstzerstörerischer Träumer — ist ebenso fesselnd wie kräftezehrend.
Als Kunstredakteur, der sich für Ballett und Oper einsetzt (und ein großer Fan davon ist), war ich hin- und hergerissen, ob ich mir Marty Supreme ansehen und rezensieren sollte. Schließlich geriet Hauptdarsteller Timothée Chalamet in der Kunstwelt stark in die Kritik, nachdem er traditionelle Tanz- und Musikformen als kulturell irrelevant abgetan hatte — und seine neueste Rolle scheint diese provokante Haltung fast widerzuspiegeln.
Doch wenn ich meine Befangenheit für einen Moment beiseitelege — da mir das Kino als Kunstform sehr am Herzen liegt — ist Marty Supreme, der am 19. März in den Kinos in Hongkong anlief, aus zwei Gründen “schmerzhaft” anzusehen. (Vorsicht, Spoiler folgen.)
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Above Odessa A'zion und Timothée Chalamet in dem Film “Marty Supreme” (Foto: mit freundlicher Genehmigung von IMDB)
Erstens ist die Hauptfigur, das Tischtennis-Ass Marty Mauser — eine fiktive Version des echten Tischtennis-Wunderkinds Marty Reisman, der 1952 an den Tischtennis-Weltmeisterschaften teilnahm — eine absolute Nervensäge. Er ist ein schlechter Verlierer, ein politisch unsensibler Angeber und ein verkanntes Talent mit einem großen Traum, einem enormen Ego sowie einem komplizierten familiären Hintergrund. Diese Eigenschaften fügen sich zu einem chaotischen Porträt aus unbändigem Ehrgeiz und Selbstzerstörung zusammen.
Der Regisseur des Films, Josh Safdie, inszeniert einen fieberhaften, zweieinhalbstündigen Abstieg in die von Ehrgeiz und Arroganz geprägte Welt dieses aufstrebenden Weltmeisters. Sein Weg zum weltweiten Ruhm ist von einer Reihe unglücklicher Umstände geprägt: familiäre Vernachlässigung, ein Onkel, der seinen Tischtennis-Traum herabwürdigt und ihn zwingt, eine Stelle als Schuhverkäufer anzunehmen, eine Affäre mit seiner verheirateten Freundin aus Kindertagen — die er schwängert — sowie die Ausbeutung und Demütigung durch die Reichen und Mächtigen. Das intensive Tempo dieser verhängnisvollen Ereignisse ist brillant umgesetzt und hält das Publikum, gepaart mit Mausers losem Mundwerk und seinen packend inszenierten Turnieren, von Anfang bis Ende in Atem.

Above Gwyneth Paltrow in ihrer Rolle als Kay Stone in “Marty Supreme” (Foto: mit freundlicher Genehmigung von IMDB)
Der zweite — und vielleicht schmerzhaftere Grund — ist die Tatsache, dass Chalamets schauspielerische Leistung geradezu erschreckend gut ist. Der Schauspieler verkörpert die Figur so überzeugend, dass die Grenze zwischen Realität und Darstellung verschwimmt. Dies zeigt sich besonders in den Szenen, in denen Mauser Journalisten im Ritz täuscht und sich in eine verzweifelte Spirale der Selbstdarstellung begibt. Als einer von ihnen nach seinem Werdegang fragt, sinkt Mauser lässig in seinen Sessel und macht widerwärtige Witze darüber, wie langweilig seine Geschichte sei, um der Frage geschickt auszuweichen. Dies erinnert auf schmerzliche Weise an Chalamets Körpersprache, als er im Februar in einem öffentlichen Gespräch mit Matthew McConaughey die Bemerkung machte, dass die darstellenden Künste obsolet seien und sich “niemand dafür interessiere”. Hat Chalamet hier womöglich seine Rolle in Marty Supreme kanalisiert?
Der französisch-amerikanische Schauspieler mag für seine Leistung in dem Film, in dem auch Gwyneth Paltrow und Odessa A’zion mitwirken, keine goldene Statuette mit nach Hause genommen haben. Es lässt sich jedoch nicht leugnen, dass er einen absolut abscheulichen Mauser abliefert — und das ist durchaus als Kompliment gemeint. Von den Nahaufnahmen der Demütigung in seinem Gesicht, als er von einem Tycoon, den er beleidigt hat, gemaßregelt wird, über seine Verzweiflung, ein besonders wichtiges Finale zu gewinnen, bis hin zu seiner Auseinandersetzung mit dem ungewohnten Gefühl des Ruhms — Chalamet beweist, dass er auf seinem Gebiet wahrhaft “supreme” (überlegen) ist. Berichten zufolge trainierte er zudem jahrelang unter dem ehemaligen US-Olympioniken Wei Wang und Diego Schaaf, um die Bewegungen eines Weltklassespielers zu perfektionieren.

Above Endo (Koto Kawaguchi) spielt gegen Mauser (Timothée Chalamet) in “Marty Supreme” (Foto: mit freundlicher Genehmigung von IMDB)
Dennoch ist Marty Supreme kein Ein-Mann-Triumph. Ein Großteil seiner Ausdruckskraft liegt in der geschickten Charakterentwicklung des Drehbuchs sowie in der Weigerung, seinen Antihelden zu romantisieren. Mausers zerrüttete Beziehungen deuten auf ein tiefer liegendes Problem hin: das schier unmögliche Streben nach Sichtbarkeit in einer von Spektakeln getriebenen Kultur. Die Geschichte zieht unausgesprochene Parallelen zwischen der Widerstandsfähigkeit der Nachkriegszeit und der modernen Neuerfindung des Selbst, indem sie Mausers manischen Ehrgeiz der inneren Gelassenheit eines japanischen Rivalen gegenüberstellt.
Visuell ist der Film äußerst opulent gestaltet. Der Kameramann Darius Khondji verschmilzt die Moderne der 1950er Jahre mit einem kinetischen, zeitgenössischen Flair und kreiert dabei Bilder, die wie poliertes Chrom glänzen. Abgesehen von einer überproduzierten digitalen Abspannsequenz, die eine Befruchtung darstellt — vielleicht symbolisch, vielleicht auch überflüssig — glänzt der Film ansonsten durch Zurückhaltung und Intelligenz.
Marty Supreme mag keine leichte Kost sein, doch genau dieses Unbehagen macht den Film unvergesslich: eine stilvolle, provokante und meisterhafte Studie über Ego und Künstlertum, die im vollen Glanz des Kinos aufeinanderprallen.




