Ein beispielloser Meilenstein für die taiwanesische Literatur: Die Schriftstellerin Yang Shuang-zi und die Übersetzerin Lin King gewinnen gemeinsam den renommierten International Booker Prize 2026 für die englische Ausgabe von “Taiwan Travelogue”.
“Es ist mein großes Glück, als Taiwanesin geboren zu sein; und es ist mein ganzer Stolz, heute als taiwanesische Autorin hier zu stehen.” — Yang Shuang-zi
Im Mai 2026 erklang bei der feierlichen Preisverleihung in der Londoner Tate Modern tosender Applaus, der die gesamte taiwanesische Leserschaft und Kulturszene in tiefe Begeisterung versetzte. Die taiwanesische Schriftstellerin Yang Shuang-zi wurde für ihren historischen Roman “Taiwan Travelogue” (Originaltitel: 臺灣漫遊錄) mit dem renommierten International Booker Prize 2026 ausgezeichnet. Dieser Triumph markiert einen beispiellosen Meilenstein und den bisher glorreichsten Moment in der Geschichte der taiwanesischen Literatur.
Der International Booker Prize gilt als eine der angesehensten Auszeichnungen im englischsprachigen Raum. Er steht auf einer Stufe mit dem Nobelpreis für Literatur und wird als höchste Weihe der zeitgenössischen Weltliteratur betrachtet. Der Preis ehrt herausragende fiktionale Werke, die ins Englische übersetzt und in Großbritannien oder Irland veröffentlicht wurden. Eine Besonderheit dieses Preises ist die ausdrückliche Würdigung der absolut gleichberechtigten Partnerschaft zwischen Autor und Übersetzer, weshalb das Preisgeld von 50.000 Pfund Sterling zu gleichen Teilen geteilt wird. Dies ist nicht nur eine außergewöhnliche Anerkennung der literarischen Brillanz und historischen Weitsicht in Yang Shuang-zis Roman, sondern unterstreicht auch den maßgeblichen Beitrag der Übersetzerin Lin King zur interkulturellen Vermittlung. Dieser Sieg bedeutet nicht nur den ersten Erfolg einer taiwanesischen Autorin überhaupt, sondern ist auch das erste Mal in der Geschichte, dass ein aus dem Chinesischen übersetztes Werk diesen Preis erhält. Damit wird der Welt die einzigartige ästhetische Anziehungskraft der taiwanesischen Identität und ihrer historischen Erinnerungskultur offenbart.

Above Die taiwanesische Autorin Yang Shuang-zi (links) und die Übersetzerin Lin King nehmen den International Booker Prize 2026 auf der Bühne entgegen. LONDON, ENGLAND - 19. MAI: Autorin von “Taiwan Travelogue” Yang Shuang-zi und Übersetzerin Lin King freuen sich nach dem Gewinn des International Booker Prize 2026 in der Tate Modern am 19. Mai 2026 in London, England. (Foto von Joe Maher/Getty Images)
In ihrer bewegenden Dankesrede betonte Yang Shuang-zi sichtlich ergriffen: “Es ist mein großes Glück, als Taiwanesin geboren zu sein; und es ist mein ganzer Stolz, heute als taiwanesische Autorin hier zu stehen.”
Eine Pionierin der Geschichte: Yang Shuang-zis literarischer Stammbaum der historischen Yuri-Literatur
Yang Shuang-zi (mit bürgerlichem Namen Yang Jo-tzu) ist eine der profiliertesten zeitgenössischen Schriftstellerinnen Taiwans, die für ihren einzigartigen Stil in der historischen Yuri-Fiktion (Girls' Love) gefeiert wird. Sie widmet sich seit langem der Erforschung der taiwanesischen Geschichte und Popkultur während der japanischen Kolonialzeit. Dieses profunde historische Wissen verwandelt sie meisterhaft in literarische Werke von großer emotionaler Tiefe.
Unter ihrer Feder wird Geschichte niemals zu einer trockenen Abfolge von Jahreszahlen, sondern erwacht als ein lebendiger Raum voller Wärme, Gerüche und feinfühliger Emotionen. Zu ihren bedeutendsten Werken zählen der Roman “Die Zeit des Erblühens”, die Kurzgeschichtensammlung “Erblühende Mädchen auf der prächtigen Insel” sowie die herzerwärmende Essay-Sammlung “Ich wohne neben Zhang Ri-xing”. Durch ihre unverwechselbare Perspektive auf weibliche Verbundenheit gelingt es Yang Shuang-zi, eine faszinierende und zugleich kritische Genealogie weiblicher Beziehungen in die taiwanesische Literatur einzuschreiben. Sie brilliert darin, einen scharfsinnigen, doch sanften weiblichen Blickwinkel in sorgfältig recherchierte historische Kontexte einzuweben. So lädt sie die Leserschaft dazu ein, Themen wie Geschlecht, soziale Klasse und Identität in einer nostalgischen Atmosphäre völlig neu zu reflektieren.

Above Das Buchcover des Romans “Die Zeit des Erblühens” von Yang Shuang-zi. (Foto: Springhill Publishing)

Above Das Buchcover der Kurzgeschichtensammlung “Erblühende Mädchen auf der prächtigen Insel” von Yang Shuang-zi. (Foto: Springhill Publishing)
Eisenbahn und Gaumenfreuden: Die Dekonstruktion von Macht und Zuneigung an den Esstischen der Kolonialzeit
“Taiwan Travelogue” ist ein Meisterwerk der politischen und emotionalen Erzählkunst, das im Gewand eines kulinarischen Reiseberichts daherkommt. Die Handlung spielt im Jahr 1938 während der japanischen Kolonialherrschaft in Taiwan. Die Geschichte folgt der renommierten japanischen Schriftstellerin Chiyoko Aoyama, die für eine Vortragsreise nach Taiwan reist. Auf ihrer Reise entlang der Nord-Süd-Eisenbahn wird sie von der stolzen, hochgebildeten taiwanesischen jungen Frau Chizuru Ong begleitet, die ihr als Dolmetscherin zur Seite steht.
Während sie mit der Eisenbahn das Land durchqueren, entfaltet sich ein fesselndes kulinarisches Abenteuer. Das gesamte Buch ist virtuos in zwölf Kapitel gegliedert, die jeweils einer authentischen taiwanesischen Spezialität gewidmet sind, darunter geröstete Melonenkerne, Mi Tai Mu (Reisnudeln), Moroheiya-Suppe, Rouzao (geschmortes Schweinehackfleisch) und salziger Kuchen.
Doch hinter den Kulissen dieser verlockenden kolonialen Gaumenfreuden verbirgt sich ein subtiler Machtkampf zwischen den beiden Frauen, geprägt durch Sprache, gesellschaftlichen Status sowie die asymmetrischen Rollen von Imperium und Kolonie. Yang Shuang-zi nutzt die Kulinarik auf raffinierte Weise als politische Metapher. Sie dekonstruiert meisterhaft die scheinbar harmonische Fassade der “Großostasiatischen Wohlstandssphäre” und offenbart die grausame koloniale Unterdrückung sowie die kulturelle Entfremdung. Inmitten dieser historischen Spannungsfelder erscheint die aufkeimende weibliche Zuneigung zwischen den Protagonistinnen umso berührender und tragischer zugleich.

Above Das englischsprachige Buchcover von “Taiwan Travelogue”. (Foto: Graywolf Press / Eslite Online)

Above Das Buchcover der chinesischen Originalausgabe von “Taiwan Travelogue”, mit der Yang Shuang-zi den International Booker Prize 2026 gewann. (Foto: Springhill Publishing)
Die Heldin im Hintergrund: Die brillante Übersetzerin Lin King
Herausragende übersetzte Literatur entsteht stets aus der Seelenverwandtschaft mit einer exzellenten Übersetzerin. Die englische Übersetzerin Lin King, die sich den Ruhm des Preises gleichermaßen mit Yang Shuang-zi teilt, ist eine äußerst talentierte taiwanesisch-amerikanische Autorin und Übersetzerin. Sie ist Absolventin der Columbia University und wurde bereits mit renommierten Auszeichnungen bedacht, womit sie sich in der internationalen Übersetzungsszene früh einen Namen gemacht hat.
Lin King verspürt eine tief empfundene Mission, die taiwanesische Literatur in die Welt zu tragen. In ihrer Dankesrede erklärte sie, dass sie angesichts der geopolitischen Erschütterungen nach dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine einen festen Entschluss gefasst habe: “Auf absehbare Zeit werde ich ausschließlich Werke aus Taiwan übersetzen.” Sie hat geschworen, ihre Feder als Übersetzerin dafür einzusetzen, Taiwans Souveränität, seine facettenreiche Geschichte und seine eigenen Erzählungen absolut kompromisslos in den englischsprachigen Raum zu bringen.
In der englischen Ausgabe von “Taiwan Travelogue” demonstriert Lin King einen höchst experimentellen und künstlerischen Übersetzungsansatz. Im Originaltext existieren Japanisch, Taiwanesisch und Mandarin parallel nebeneinander — eine linguistische Vielschichtigkeit, die eine enorme Herausforderung für die Übertragung darstellte. Anstatt diese feinen Nuancen grob in einem standardisierten Englisch zu nivellieren, hat Lin King die Reibung zwischen den Sprachen und deren historische Tiefe kunstvoll bewahrt. So ist es ihr gelungen, die komplexe sprachliche Ökologie und die kulturellen Machtkämpfe der japanischen Kolonialzeit perfekt zu rekonstruieren. Genau diese Meisterleistung war der entscheidende Faktor, der die Jury des renommierten Preises restlos überzeugte.

Above Die begnadete Übersetzerin der englischen Ausgabe von “Taiwan Travelogue”, Lin King. Sie wurde gemeinsam mit Yang Shuang-zi mit dem International Booker Prize 2026 ausgezeichnet. LONDON, VEREINIGTES KÖNIGREICH - 19. MAI: Übersetzerin Lin King posiert mit dem Buch “Taiwan Travelogue” während der offiziellen Preisverleihung des International Booker Prize 2026 in der Tate Modern in London. (Foto von Wiktor Szymanowicz/Anadolu via Getty Images)
Die Vorreiter der taiwanesischen Literatur auf dem Weg zum Booker Prize
Der fulminante Triumph von Yang Shuang-zi ist keineswegs ein Zufall, sondern das Resultat der unermüdlichen Bemühungen mehrerer Generationen taiwanesischer Literaturschaffender. Bevor “Taiwan Travelogue” ein neues historisches Kapitel aufschlug, war es der taiwanesische Schriftsteller Wu Ming-yi, der als Wegbereiter für den Booker Prize fungierte.
Im Jahr 2018 gelang es Wu Ming-yi mit seinem vom Magischen Realismus geprägten Roman “Das gestohlene Fahrrad” (The Stolen Bicycle), auf die Longlist des International Booker Prize gewählt zu werden. Damit ging er als erster taiwanesischer Autor überhaupt in die Geschichte ein, der für diese hochkarätige Auszeichnung nominiert wurde. Auch dieses Werk befasst sich intensiv mit historischer Erinnerung, sprachlicher Verflechtung und der Ökologie der Insel. Es eröffnete der internationalen Literaturszene einen ersten Blick auf die einzigartige Ästhetik der taiwanesischen Literatur, in der magische und realistische Elemente nahtlos ineinandergreifen. Von Wu Ming-yis Pionierarbeit bis hin zu Yang Shuang-zis glorreichem Gipfelsturm zeugt diese literarische Reise eindrucksvoll davon, dass taiwanesische Geschichten auf der internationalen Bühne ein unübersehbares Licht werfen.

Above Im Jahr 2018 wurde Wu Ming-yi mit seinem vom Magischen Realismus geprägten Roman “Das gestohlene Fahrrad” (The Stolen Bicycle) auf die Longlist des International Booker Prize gesetzt. (Foto: Rye Field Publications)

Above Das englische Buchcover des Romans “Das gestohlene Fahrrad” (The Stolen Bicycle) des taiwanesischen Autors Wu Ming-yi. (Foto: Text Publishing / Eslite Online)
Ein verlässlicher Wegweiser zum Nobelpreis für Literatur
Der International Booker Prize genießt in der literarischen Welt nicht nur aufgrund seines strengen und anspruchsvollen Auswahlverfahrens ein derart hohes Ansehen, sondern auch, weil er seit langem als inoffizieller “Wegweiser für den Literaturnobelpreis” gilt. Ein Blick auf die jüngere Geschichte der Weltliteratur zeigt, dass viele zeitgenössische Meister nach dem Gewinn des International Booker Prize auch den renommierten Nobelpreis erhielten. Ein prominentes Beispiel ist die südkoreanische Schriftstellerin Han Kang, die 2016 für ihr erschütterndes Werk “Die Vegetarierin” ausgezeichnet wurde und 2024 den Nobelpreis für Literatur erhielt — als erste Asiatin überhaupt. Ebenso wurde die polnische Literaturikone Olga Tokarczuk 2018 für “Unrast” (Flights) mit dem International Booker Prize geehrt und im selben Jahr (verliehen 2019) mit dem Literaturnobelpreis gekrönt.
Zu den diesjährigen Finalisten, die neben Yang Shuang-zi auf der Shortlist standen, gehörten der deutsche Roman “Die Nächte sind still in Teheran” (The Nights Are Quiet in Tehran) sowie das Meisterwerk “Diejenige, die bleibt” (She Who Remains) einer bulgarischen Autorin — allesamt herausragende Werke der internationalen Literaturszene. Sich in einem derart starken und hochkarätigen Wettbewerb zu behaupten, sendet eine unmissverständliche Botschaft an die Welt: Die taiwanesische Literatur verfügt unlängst über das immense Potenzial, die absolute Weltspitze der Literatur zu erobern. Diese Ehre gebührt nicht nur den beiden außergewöhnlichen Schöpferinnen des Werkes, sondern markiert auch einen historischen Moment für die Insel Taiwan, die ihre facettenreichen Geschichten endlich lautstark mit der gesamten Welt teilen kann.

Above LONDON, ENGLAND - 19. MAI: Autorin von “Taiwan Travelogue” Yang Shuang-zi und Übersetzerin Lin King posieren mit den Juroren (v.l.n.r.) Natasha Brown, Sophie Hughes, Marcus du Sautoy, Nilanjana S. Roy und Troy Onyango nach dem Gewinn des International Booker Prize 2026 in der Tate Modern am 19. Mai 2026 in London. (Foto von Joe Maher/Getty Images)
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