Während sich die zeitgenössische Kunst zunehmend dem Konzeptuellen und Digitalen zuwendet, eröffnet die Handwerkskunst einen Weg zurück zur wahren Meisterschaft, zum direkten Kontakt mit dem Material und zur Virtuosität der Hände.
Die Ausstellung “Từ đôi tay đến tạo tác” (Crafting in Progress) findet vom 18. April bis zum 3. Mai 2026 in der Lotus Gallery in Ho-Chi-Minh-Stadt statt und wird in Zusammenarbeit mit der Lotus Gallery, der Annam Gallery, dem Sammler Đỗ Viết Tuấn, dem Bát Tràng Museum Atelier, Làng Củi Lũ und Lam Sắc organisiert.
Die Handwerkskunst ist eine harmonische Synthese aus Material, Technik und den Spuren menschlicher Hände. Sie stellt eine greifbare Form des kulturellen Ausdrucks dar. Von der Keramik über die Textilkunst bis hin zur Holzverarbeitung spiegelt jede über Generationen weitergegebene Technik den ästhetischen Geschmack, die regionale Identität und den Glauben der jeweiligen Gemeinschaft wider. Oft mit Gegenständen des täglichen Gebrauchs assoziiert, wurde dem Kunsthandwerk in der Vergangenheit im Vergleich zur Malerei oder Bildhauerei gelegentlich ein Mangel an konzeptioneller Tiefe und Ästhetik nachgesagt.
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Bei der Ausstellung “Từ đôi tay đến tạo tác” betreten die Besucher miniaturisierte “Handwerksdörfer”, in denen Keramik, Lackkunst, Emaille und Holzarbeiten ihre ganz eigenen Geschichten erzählen. Die Präsentation konzentriert sich darauf, den Entstehungsprozess der Kunstwerke zu beleuchten — von der präzisen Handwerkskunst bis hin zu den spezifischen Eigenschaften jedes einzelnen Materials.

Above Ansicht der faszinierenden Ausstellung “Từ đôi tay đến tạo tác”
Die Ausstellung eröffnet mit einer beeindruckenden Kollektion von Biên-Hòa-Keramik, einer Stilrichtung, die in Vietnam vor 1975 florierte. Sie zeichnet sich durch eine skulpturale Formensprache in Form von Statuen, Reliefs und architektonischen Zierelementen aus. Ein weiteres markantes Merkmal der Biên-Hòa-Keramik ist ihre polychrome Glasur, die durch natürliche Farbverläufe und Fließeffekte behandelt wird, wodurch ein äußerst ausdrucksstarkes visuelles Erlebnis entsteht.

Above Eine exquisite Biên-Hòa-Keramikstatue aus der Sammlung von Đỗ Viết Tuấn
Eine sorgfältig kuratierte Auswahl zeitgenössischer Keramik- und Skulpturarbeiten führt den Geist der Biên-Hòa-Keramik fort und erweitert ihn durch vielfältige materielle Praktiken. Von den Skulpturen von Dương Đức Duy bis hin zu den Keramikarbeiten von Âu Thục My, Trần Hạnh und Lê Trung Hiếu eröffnen diese Werke der jungen Künstler der Annam Gallery neue Perspektiven auf Formen, Oberflächen und gestalterische Ausdrucksweisen.
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Above Ein beeindruckendes zeitgenössisches Skulpturwerk von Dương Đức Duy
Darauf folgt die renommierte Bát-Tràng-Keramik, die für ihre meisterhaften Glasurtechniken wie das blaue Emaille und die Krakelee-Glasuren, ihre tiefgründigen Oberflächen sowie ihre ikonischen, handgemalten Muster geschätzt wird. Im zeitgenössischen Kontext strebt das Bát Tràng Museum Atelier danach, die traditionellen Formen weiterzuentwickeln und die Gestaltungssprache der historischen Keramik zu bereichern. Parallel dazu präsentiert die Ausstellung auch die modernen Keramikpraktiken der talentierten Künstlerin Devon Nguyễn.
Above Meisterhafte Bát-Tràng-Keramik, präsentiert vom Bát Tràng Museum
Neben der faszinierenden Keramikkunst bringt die Ausstellung dem Publikum auch die seltene Pháp-Lam-Emaille-Technik näher. Diese Fertigkeit, die einst eng mit dem Leben am königlichen Hof von Huế verbunden war und beinahe in Vergessenheit geriet, erlebt derzeit durch die hingebungsvolle Forschung von Kunsthandwerkern und unabhängigen Wissenschaftlern eine bemerkenswerte Wiederbelebung. Einst ein rein zeremonielles Material, wird Pháp Lam heute neu interpretiert und findet in moderneren, alltagsnahen Bereichen wie hochwertigem Schmuck und stilvollen Einrichtungsgegenständen Verwendung.
Above Das kunstvolle Werk Ngựa Bính Ngọc aus dem Lam Phong Studio

Above Die farbenprächtige Präsentation von Lam Sắc in der Lotus Gallery
Ein weiteres Material, das historisch tief mit dem praktischen Leben verwurzelt war, ist der Lack. Bevor die Lackkunst zum Herzstück der vietnamesischen Malerei avancierte, fand sie vor allem bei religiösen Objekten wie horizontalen Lacktafeln und parallelen Sprüchen Anwendung und war untrennbar mit dem kulturellen und spirituellen Leben der Vietnamesen verbunden.
Das Lam Phong Studio führt diese altehrwürdige Lacktradition aus einer modernen Designperspektive fort. Durch die Kombination von traditionellem Naturlack mit zeitgenössischer Grafik und anderen kunsthandwerklichen Materialien entstehen faszinierende Objekte, die traditionellen Geist mit moderner Formgebung vereinen. Diese Werke werden gemeinsam mit den Lackgemälden des talentierten Malers Lại Thanh Dũng präsentiert. Lại Thanh Dũng wendet exquisite Lackgravurtechniken sowie Blattgold- und Silberapplikationen an, um besonders brillante und gestochen scharfe Oberflächen zu erzielen. Ebenso beeindruckend sind die bemalten Holzskulpturen in Tierform des Kunsthandwerkers Nguyễn Tấn Phát, die an die reiche Symbolik der vietnamesischen Reiskultur erinnern.

Above Ein herausragendes Lackgemälde des renommierten Künstlers Lại Thanh Dũng
Den krönenden Abschluss dieses Rundgangs bilden die kunstvollen Werke von Làng Củi Lũ. Aus Treibholz, das nach Fluten an Land gespült wird, erschafft Làng Củi Lũ neues Leben in Form von skulpturalen Meisterwerken. Dabei werden die natürlichen Spuren des Holzes wie Risse und Maserungen bewusst bewahrt. Der Fokus dieser Handwerkskunst liegt auf dem materiellen Gedächtnis sowie der tiefgründigen Verbindung zwischen Zeit, Natur und der schöpferischen Menschenhand im Entstehungsprozess.

Above Das meisterhaft gefertigte Modell der Chùa-Cầu-Brücke von Làng Củi Lũ
In südostasiatischen Ländern ist die traditionsreiche Handwerkskunst ein wesentlicher Faktor, der die Vielfalt der akademischen Kunst bereichert. Ein herausragendes Beispiel hierfür ist die Evolution der Lackkunst. Der natürliche Harzlack (sơn ta) wird von den Vietnamesen seit Langem verwendet, um harte, langlebige, wasserabweisende und schimmernde Oberflächen zu schaffen, die sowohl funktionalen als auch ästhetischen Ansprüchen genügen. Eine der wichtigsten Innovationen der 1920er Jahre war die “Mài”-Technik (Schleiftechnik), bei der zahlreiche Lackschichten übereinander aufgetragen und anschließend mit Steinen geschliffen und poliert werden. Dieser Prozess legt die verborgenen Farbschichten frei und erzeugt eine glatte Oberfläche mit visueller Tiefe und einem spiegelartigen Reflexionseffekt. Diese meisterhafte Technik wird von heutigen Künstlern und Handwerkern weiterhin praktiziert und auf Kunstgemälde sowie Skulpturen angewendet.
Die globale Kunstwelt erlebt derzeit, wie immer mehr Künstler sich der traditionellen Handwerkskunst zuwenden, um ihre eigene, unverwechselbare Stimme zu formen, anstatt sich ausschließlich auf westlich geprägte ästhetische Standards zu verlassen. Während sich die zeitgenössische Kunst zunehmend dem Konzeptuellen und Digitalen widmet, bietet die Handwerkskunst eine Rückkehr zu wahren Fertigkeiten, zum direkten Umgang mit Materialien und zur handwerklichen Brillanz. Mehr noch: In einer Zeit, in der Technologie und digitale Medien unser Leben dominieren, präsentiert sich die manuelle Handwerkskunst als ein tiefer Prozess des Erforschens und Verstehens von Materialien sowie als eine besondere Art der Interaktion zwischen dem Menschen und seiner physischen Umwelt.
Durch die Präsentation von über 80 Kunstwerken und die Ausrichtung interaktiver Handwerks-Workshops bietet die Ausstellung den Besuchern ein tieferes Verständnis der lokalen Identität und eröffnet zugleich neue Perspektiven und Dialoge. Es sind genau diese Begegnungen, die dazu beitragen, die traditionelle Handwerkskunst auf ein noch höheres Niveau zu heben — ein kontinuierlicher Prozess im unendlichen Fluss der Kreativität.
AUSSTELLUNGSINFORMATIONEN
Veranstaltungsort: Lotus Gallery, 12-13 Đường N1, Tân Thuận, Ho-Chi-Minh-Stadt
Ausstellungsdauer: Vom 18. April bis zum 3. Mai 2026
Öffnungszeiten: Täglich von 09:00 bis 18:00 Uhr
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