Für die renommierte indonesische Performance-Künstlerin Melati Suryodarmo ist der Körper ein lebendiges Archiv, in dem durch Ausdauer, Wiederholung und die Dimension der Zeit kulturelle Erinnerungen und vererbte Geschichten sichtbar werden.
In einem kargen, in Rot getauchten Raum bewegt sich Melati Suryodarmo langsam, während sie eine große Glasscheibe in ihren Armen balanciert. Die Oberfläche ist transparent und doch schwer — mit einem Gewicht von 40 Kilogramm — und ihre Zerbrechlichkeit steht im Widerspruch zu der immensen Anstrengung, die sie erfordert. Während sie geht, wiederholt sie einen einfachen Satz: “I love you.” Immer wieder verlassen diese Worte ihre Lippen, weder geflüstert noch laut verkündet, sondern getragen von Atem und Muskelkraft. Die Farbe Rot weckt Assoziationen von Liebe und Leidenschaft, aber auch von Dringlichkeit und Gefahr. Das Glas droht jeden Moment zu zerbrechen. So wirkt die Liebeserklärung allmählich weniger wie ein Geständnis, sondern vielmehr wie harte körperliche Arbeit.
Die indonesische Künstlerin performte ihr Werk I Love You aus dem Jahr 2007 im UBS Art Studio während der Vernissage der Art SG im Januar, wobei eine Videodokumentation der UBS Art Collection für den Rest der Messe zu sehen war. Die Performance wird als Verwandlung “einer einfachen Erklärung in ein Ritual der Sehnsucht, der Widerstandsfähigkeit und der Ausdauer” beschrieben. Wenn man Melati Suryodarmo beim Tragen des Glases beobachtet, begreift man schnell, warum. Was zunächst intim erscheint, nimmt eine strukturelle Dimension an. Der Körper illustriert nicht bloß Emotionen; er erträgt sie. Der Satz wandelt sich von einem persönlichen Ausdruck zu einer physischen Last, die in Echtzeit — über drei Stunden hinweg — vor einem Publikum aufgeführt wird, das gebeten wird, diese sich langsam aufbauende Spannung gemeinsam auszuhalten.
Für Melati Suryodarmo ist der Körper “ein Gefäß für die Lebensreise eines Menschen”. Er ist Medium und Botschaft zugleich, bewahrt die Spuren des Erlebten und schafft durch Handlung kontinuierlich neue Bedeutungen. Ihre Performances erzählen selten direkte persönliche Geschichten. “Ich spreche bei I Love You nicht über meine persönliche Beziehung”, erklärt sie, auch wenn verkörperte Erfahrungen unweigerlich die verschiedenen Bedeutungsebenen des Werkes formen. Stattdessen betrachtet sie den Körper als formbares Material — nicht statisch, sondern alternd und stetig von der Zeit gezeichnet. “Der Körper ist eine unerschöpfliche Ressource”, verrät sie uns, als wir uns am nächsten Tag auf dem Messegelände treffen. “Man entwickelt sich weiter, man altert; mit jeder neuen Erfahrung wird man auch zu einem neuen Auslöser für sich selbst.”
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Above In “I Love You” bewegt sich die Künstlerin langsam durch einen in Rot getauchten Raum (Foto: UBS)

Above Sie balanciert dabei eine 40 Kilogramm schwere Glasscheibe in ihren Armen (Foto: UBS)
Dieses Verständnis schärfte sich während der Entwicklung ihrer künstlerischen Praxis in Deutschland ab Mitte der 1990er Jahre. Dort studierte sie unter der Leitung der wegweisenden Performance-Künstlerin Marina Abramović. Melati Suryodarmo verdankt ihrer Mentorin nicht nur die Vermittlung von Disziplin und Ausdauer, sondern auch die Erkenntnis, wie eine Performance über den Moment der Live-Aufführung hinaus Bestand haben kann. “Meine Lehrerin Marina Abramović hat ihre Werke sorgfältig archiviert. Wie wüssten wir ohne diese frühen Aufzeichnungen, dass ihre Kunst bereits seit den 1970er Jahren existiert?”, bemerkt sie. Die Dokumentation ist für Suryodarmo kein nachträglicher Gedanke, sondern ein essenzieller Beweis — die Bestätigung, dass Performance-Kunst fest in der Kunstgeschichte verankert ist und nicht bloß als flüchtige Randerscheinung existiert.
Dennoch gab sich Suryodarmo nie damit zufrieden, im Schatten von Abramović zu verweilen. “Ich setze in meiner künstlerischen Praxis andere Prioritäten; ich habe eine andere Handlungsfähigkeit”, betont sie. Während sie zwischen Deutschland und Indonesien pendelte, begann sie, die theoretischen Rahmenbedingungen zu hinterfragen, nach denen Performance-Kunst gelehrt und analysiert wurde. Westliche Philosophie und feministische Diskurse boten zwar ein intellektuelles Gerüst, entsprangen jedoch spezifischen soziopolitischen Gegebenheiten. “Ich glaube, dass westliche Theorien nicht ausreichen, um die Realität meines kulturellen Umfelds und Hintergrunds zu erfassen”, reflektiert sie. Sich ausschließlich auf diese Modelle zu verlassen, barg die Gefahr, die Hierarchien kolonialen Wissens lediglich zu reproduzieren.

Above Melati Suryodarmo performte ihr Meisterwerk “I Love You” erstmals im Jahr 2007 (Foto: Melati Suryodarmo)
Stattdessen wandte sich Suryodarmo rituellen Praktiken und dem verkörperten kulturellen Gedächtnis zu. In den javanischen Traditionen ist der Körper nicht nur ein Ausdrucksmittel, sondern von gemeinschaftlicher Natur — er wird in Heilpraktiken, Trancezuständen und kollektiven Erfahrungen eingesetzt. Performance muss sich in diesem Kontext nicht zwangsläufig gegen Konventionen auflehnen; sie kann vielmehr als gemeinschaftliches Ritual fungieren.
Eine ihrer bemerkenswertesten Performances ist Exergie – Butter Dance, die im Jahr 2000 in Berlin uraufgeführt wurde, bevor sie auf internationalen Bühnen präsentiert wurde. In der ursprünglichen Version ließ sich Suryodarmo von einem traditionellen indonesischen Tanz inspirieren und performte auf Butterblöcken, begleitet von den Klängen traditioneller Trommeln. In Transaction of Hollows (2016) greift sie auf die javanische Bogenschießkunst zurück und feuert mit ohrenbetäubendem Aufprall 800 Pfeile in eine Trockenbauwand. In Eins und Eins (2016) hingegen interpretiert sie ein Land als menschlichen Körper, der mit Übelkeitsanfällen auf Unterdrückung, Aggression und Gewalt reagiert, indem sie schluckweise schwarze Tinte an weiße Wände spuckt.
Sie begann zu hinterfragen, was es bedeutet, mit einem Körper aufzutreten, der von kolonialen Geschichten und geerbten Traumata geprägt ist, während sie gleichzeitig Überleben und Kontinuität anerkennt. “Dieser Körper ist ein Produkt von Kolonialgeschichte und Trauma”, sagt sie, fügt jedoch hinzu, dass eine Distanzierung von dieser Vergangenheit durch Selbstreflexion und gelebte Erfahrung durchaus möglich ist. Das Archiv, das sie in sich trägt, ist nicht starr; es entwickelt sich mit der Zeit kontinuierlich weiter.

Above Melati Suryodarmo hat ihre Werke weltweit präsentiert, darunter “Exergie – Butter Dance” (2000), hier aufgeführt beim Sputnik Project im britischen Newcastle upon Tyne im Jahr 2005 (Foto: Melati Suryodarmo)
Auch das Geschlecht prägt unweigerlich die Art und Weise, wie dieser Körper gelesen wird. Aufgewachsen im zentraljavanischen Solo (Surakarta) in einer Kaufmannsfamilie, in der Frauen die Geschäfte leiteten, wurzelt Suryodarmos Verständnis von Feminismus eher in der gelebten Erfahrung als in grauer Theorie. “Feminismus ist für mich eine lebendige Erfahrung; er ist in meiner Familie fest verankert”, erklärt sie. Das Leben in Deutschland offenbarte ihr jedoch andere Erwartungshaltungen und Ungleichheiten, die ihr zeigten, dass feministische Diskurse nicht einheitlich auf alle Kulturen übertragen werden können. “Es hängt davon ab, wo er entsteht und wo er Anwendung findet”, reflektiert sie. Ihre Performances transportieren dieses vielschichtige Bewusstsein und erkennen an, dass der weibliche Körper stets durch wechselnde kulturelle Filter interpretiert wird. Dialogue with My Sleepless Tyrant (2013) dient beispielsweise als Metapher für eine Frau, die mit den konformistischen Erwartungen der Gesellschaft ringt. Suryodarmo liegt darin eingeklemmt zwischen Matratzen — ein physischer Ausdruck von Zwang und Widerstand zugleich.

Above Die Performance “Eins und Eins” in den Pearl Lam Galleries in Singapur, 2016 (Foto: Melati Suryodarmo)
Obwohl Performance-Kunst von Natur aus flüchtig ist, nähert sich Suryodarmo ihrem Fortbestehen mit Pragmatismus. Die Präsentation von I Love You auf der Art SG 2026 markiert ihre erste Performance im Kontext einer Kunstmesse, passend zur Aufnahme des Werkes in die UBS Art Collection. Sie lehnt die Vorstellung entschieden ab, dass eine Dokumentation die Authentizität mindern könnte. “Die Live-Performance konnte zwar nie wirklich durch digitale Formate ersetzt werden. Doch der Geist und die eigentliche Botschaft lassen sich durch eine hochwertige Dokumentation sehr wohl einfangen”, ist sie überzeugt. Archivierung ist für sie eine ethische Verantwortung — um sicherzustellen, dass die Performance-Kunst ein fester Bestandteil des kollektiven kulturellen Gedächtnisses bleibt.
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Above “Dialogue with My Sleepless Tyrant”, aufgeführt am Strand von Parangtritis in Yogyakarta, Indonesien, im Jahr 2012 (Foto: Melati Suryodarmo)
Dieses Engagement erstreckt sich auch auf ihre Arbeit in Solo, wo Melati Suryodarmo 2012 das Studio Plesungan gründete — als persönlichen Arbeitsraum und gemeinschaftliche Plattform zugleich. Der kreative Raum beherbergt Workshops, Festivals sowie Kinderprogramme und bietet jungen Künstlern viel Platz zum Experimentieren und Lernen. Zudem unterrichtet sie in der Region Performance-Kunst und ermutigt ihre Studierenden, sich intensiv mit dem Körper als Material auseinanderzusetzen und ihre eigene Praxis in lokalen historischen Kontexten zu verorten. “Performance-Kunst wurde innerhalb der bildenden Kunst lange Zeit als Randerscheinung betrachtet. Nach mehr als einem halben Jahrhundert der Arbeit mit dem Körper halte ich es für nicht länger vertretbar, diese Praxis einfach zurückzulassen, ohne das dazugehörige Wissen weiterzuentwickeln”, sagt sie über den Stellenwert der Performance in der bildenden Kunst. Die Weitergabe von Wissen wird somit zu einer weiteren Form der Archivierung.

Above Das Auftragswerk “Transaction of Hollows”, aufgeführt im Lilith Performance Studio im schwedischen Malmö, 2016 (Foto: Melati Suryodarmo)
Mit Blick auf die Zukunft geht es Suryodarmo weniger darum, ihren Körper in extreme Situationen zu drängen, sondern vielmehr darum, die Art und Weise zu erweitern, wie Performance erlebt und bewahrt wird. “Ich kann meinen Körper zu nichts zwingen. Den Körper als Medium zu wählen, erfordert ein tiefes Bewusstsein für das eigene Leben — für Gesundheit, Verfassung und persönliche Grenzen”, reflektiert sie. Ihre neuen Werke integrieren Installationen, Klangkunst und kollaborative Elemente, wodurch sie die Reichweite ihrer Ideen vergrößert, ohne die zentrale Rolle des Körpers jemals aufzugeben. Performance, so suggeriert sie, ist nicht nur eine Handlung, sondern eine wahre Philosophie der Achtsamkeit.
Wenn sie performt, tritt sie in einen Zustand ein, den sie als reine Präsenz beschreibt. “Ich lebe einfach ganz im Moment”, sagt sie. “Für mich ist es keine Show. Es ist die Kunst des Tuns.” Dieses Beharren auf dem Prozess anstelle eines reinen Spektakels definiert ihre gesamte künstlerische Praxis. Der Körper repräsentiert die Erinnerung nicht nur; er setzt sie aktiv um. Durch Wiederholung, Ausdauer und die Dimension der Zeit offenbart Suryodarmo den Körper als ein lebendiges Archiv — eines, das die Komplexität menschlicher Erfahrungen unaufhörlich aufzeichnet, neu interpretiert und an kommende Generationen weitergibt.





